Jaan Kross

Januar 6, 2008

Jaan KrossKross  … wurde am 19.2.1920 in Tallinn geboren und verstarb am 27.12.2007 ebenda. Er war ein estnischer Schriftsteller.

Leben: 

Kross besuchte die Universität Tartu, schloss dort 1944 als Jurist ab und lehrte als Dozent für weitere zwei Jahre (und wieder als Professor der Artes Liberales 1998). Im Frühjahr 1944 wurde er von den deutschen Besatzern und 1946 von den Sowjets verhaftet, die ihn nach Sibirien deportierten, wo er bis 1954 im Gulag verblieb. Nach seiner Rückkehr nach Estland, damals eine Sowjetrepublik, wurde er freischaffender Schriftsteller und Übersetzer.

Kross war der bei weitem meist übersetzte und national wie auch international bekannteste estnische Schriftsteller, sicherlich der bedeutendste seit Anton Hansen Tammsaare. Er wurde mehrfach für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen und war Träger mehrerer Ehrendoktorate sowie internationaler Orden, einschließlich einer besonders hohen Stufe des Bundesverdienstkreuzes. 2006 erhielt Kross den Kulturpreis der Republik Estland für sein Lebenswerk.

Kross’ Romane (und Kurzgeschichten) sind fast alle historisch; Kross wird häufig als der Wiederbeleber des historischen Romans bezeichnet. Fast alle seine Werke spielen in Estland und kreisen um das Thema der Beziehungen von Esten, Deutsch-Balten und Russen. Seine häufige Thematisierung des Estnischen Freiheitskampfes gegen die Baltendeutschen ist jedoch weitgehend eine Metapher für den zeitgenössischen Kampf gegen die Russen. Kross’ Bedeutung auch nach dem erfolgreichen Ende des Kampfes 1991 zeigt aber, dass seine Romane auch von Themen, die über diese Art Politik hinausgehen, handeln, so z. B. Identität, Loyalität und Bildung.

In der allgemeinen Meinung gilt Der Verrückte des Zaren über den deutschbaltischen Adligen Timotheus Eberhard von Bock als Kross’ bester Roman. Bekannt ist auch der RomanProfessor Martens’ Abreise über den russischen Diplomaten Friedrich Fromhold Martens, der wegen seiner Themen (Wissenschaft, Expertentum, nationale Loyalität) besonders bei Akademikern beliebt ist. Von vielen Experten werden hingegen die früheren Ausgrabungen als Kross’ bestes Werk angesehen. Das Leben im Reval des 16. Jahrhunderts beschreibt sein Roman Das Leben des Balthasar Rüssow. Alle diese Romane liegen in deutschen Übersetzungen vor.  Werke:

  • Der Verrückte des Zaren (Timotheus Eberhard von Bock). Dt. v. Helga Viira. Rütten & Loening, Berlin 1988 und Hanser, München 1990, ISBN 3446160396, als TB ISBN 3423206551
  • Professor Martens’ Abreise (Friedrich Fromhold Martens) Hanser, München 1992, ISBN 3446163638, als TB ISBN 3423119748
  • Das Leben des Balthasar Rüssow (Balthasar Rüssow). Dt. v. Helga Viira und Barbara Heitkam. Rütten & Loening, Berlin 1986 und Hanser, München 1995, ISBN 3446163875
  • Ausgrabungen. Dipa, Frankfurt/M. 1995, ISBN 3763803432 (Reprint angekündigt)
  • Die Frauen von Wesenberg oder Der Aufstand der Bürger. Hanser, München 1997, ISBN 3446191208. 

 http://www.nzz.ch/2002/12/03/fe/article8AE5U.html    

Bobby Pirron

Januar 6, 2008

Pirron und Knapp Pirron und Knapp waren ein österreichisches Musikerduo, das mit kabarettistischen Texten in der Nachkriegszeit bekannt wurde. Robert Cuny de Pierron (Pseudonym: Pirron, später: Bobby Pirron) wurde am 16. Oktober 1918 in Zürich geboren. Zunächst absolvierte er eine Hotelfachschule, war später Akkordeonspieler, Conferencier, Texter und an einer Kirche in Wien Sängerknabe. Er lebte zuletzt in einem Seniorenheim in Wien. Am 19. Dezember 2007 starb Bobby Pirron in Wien und wurde am 4. Jänner 2008 auf dem Baumgartner Friedhof beigesetzt.Josef Gnapp (Pseudonym: Knapp) wurde am 27. August 1917 in Wien geboren, wo er am 12. Februar 1999 auch starb. Sein erlernter Beruf war Eisengießer.

Schon 1937 lernten einander die beiden während Pirrons Militärzeit kennen. Ermuntert durch den Conferencier Max Lustig bildeten die beiden 1946 das Gesangsduo Pirron und Knapp. Die Texte ihrer kabarettistischen Lieder wurden nicht gesungen, sondern rasch gesprochen und nahmen die Freuden und Probleme der Zeit wie etwa das Baden im Tröpferlbad, den Campingurlaub oder das Goggomobil aufs Korn. Das Duo trennte sich 1961. Während Josef Gnapp danach als Versicherungsangestellter arbeitete, machte Pirron als Solist weiter.

 

Diskographie:

Von den vermutlich 16 gemeinsamen Schallplatten ist leider nicht bekannt, wie viele davon Singles bzw. Langspielplatten sind. Folgende Titel ließen sich eruieren:

  • Das Fräulein Vera / Fifi (Die Waschmaschine) (Single)
  • Camping / Atombombiges (Single)
  • Im Kino / In der Straßenbahn (Single)
  • Im Warenhaus / Saunarock (Single)
  • Hausmasta Rock / Das Ländermatch (Single)
  • Im Tröpferlbad / Blitzo / In der Straßenbahn / Im Kino (EP)
  • Bella Venezia /Mondsüchtig / Atombombiges / Camping (EP)
  • Hausmasta Rock / Das Ländermatch / Das Fräulein Vera / Fifi(Die Waschmaschine) (EP)
  • Der schlaue Fuchs weiß es (nur als Schallfolie als Werbegeschenk von Rekord Kohlebriketts)
  • Die große Lachparade 1 (LP)
  • Die große Lachparade 2 (LP)
  • Die große Lachparade 1 + 2 (CD)
  • Camping / Im Warenhaus (Single) (Deutsche Pressung mit angepasstem Text in ‘Camping’: die Reise geht von München über Garmisch und endet am Zirler Berg, auch das Vokabular wurde teilweise angepasst: Scheuersand statt Reibsand etc).

Weblink:
 
 

 

  

Willy Sommerfeld

Januar 5, 2008

Willy Sommerfeld
Sommerfeld
…geboren am 11.5.1904 in Danzig und verstorben am 19. Dezember 2007 in Berlin war ein bis zum Alter von 103 Jahren aktiver deutscher Stummfilm-Pianist.

Leben:
Willy Sommerfeld kam schon sehr jung mit der Musik in Kontakt: Im Alter von drei Jahren erkrankte er so schwer, dass ihn der Arzt schon aufgegeben hatte. Ein Freund seiner Schwester spielte ihm damals täglich auf seiner Zither etwas vor. Als Willy Sommerfeld dann unerwarteterweise doch noch gesund wurde, hatte er den Wunsch, Musiker zu werden.
Sein erstes Instrument war eine Geige, wobei ihm aber die Töne nicht vielfältig genug waren. Schließlich lernte er Klavier spielen.
Im jungen Erwachsenenalter machte er dann in seiner Geburtsstadt Danzig eine Ausbildung zum Musiklehrer, anschließend begab er sich Anfang der 1920er Jahre nach Berlin. Dort absolvierte er ein Studium der Komposition am Stern’schen Konservatorium.
Während jener Zeit verdiente er sich ein wenig Geld in einem Stummfilm-Kino, wo er zunächst einen Professor, der dort Klavier spielte, auf der Geige begleitete. Da sich der Kinobesitzer aber nicht zwei Musiker gleichzeitig leisten konnte, übernahm schließlich Willy Sommerfeld alleine die Filmbegleitung auf dem Klavier. Zu den Filmen spielte er dann rein intuitiv und nicht nach Noten. Laut eigener Aussage schießen ihm die Bilder, die er auf der Leinwand sieht, ins Gehirn, und von dort aus in seine Hände. Da er sehr klein ist, geht das sehr schnell. (Zitat) Damals traf er auch auf viele Schauspieler, er lernte aber nur sehr wenige von ihnen kennen.
Ende der 1920er Jahre übernahm er bei einem Musikverlag in Braunschweig die Stelle eines Redakteurs. Nach Feierabend begleitete er dann auch dort Filme in den Braunschweiger Kinos.
Anfang der 1930er Jahre wechselt er an das Braunschweiger Staatstheater; zu Beginn hatte er dort die Stelle des Kapellmeisters inne, später arbeitete er sich nach oben, bis er sogar das Orchester dirigieren durfte.
Um 1933 suchte der Regisseur Helmut Käutner einen Pianisten für seine Kabarett-Gruppe Vier Nachrichter. Willy Sommerfeld ging schließlich mit dieser Gruppe auf Deutschlandtournee, bis sie von den Nationalsozialisten verboten wurde.
Anschließend kehrte er nach Berlin zurück, die darauffolgenden drei Jahrzehnte arbeitete er dann als Komponist und Dirigent, musikalischer Leiter, Hörspiel- und Dokumentarfilmvertoner, Theatermusikschreiber und Musiktherapeut.
Zu Beginn der 1970er Jahre traf er einen Kollegen, der im Berliner Kino Arsenal Stummfilme begleitete. Obwohl sich Willy Sommerfeld damals gerade auf den Ruhestand vorbereitete, sprang er einmal für ihn ein und setzte diese Auftritte danach regelmäßig bis ins zweite Halbjahr 2007 fort. Er spielte ohne Noten und erklärte, er wolle vor einer Vorstellung nur wissen, ob der Film lustig oder traurig sei.
Die Internationalen Filmfestspiele Berlin ehrten Willy Sommerfeld im Jahr 2004 mit der Berlinale Kamera; 2006 erhielt er für sein Lebenswerk das Bundesverdienstkreuz.
2006 kam der Film „The Sounds of Silents – Der Stummfilmpianist“ in die Kinos.

Weblink:
http://www.willysommerfeld.de/

Elly Beinhorn

Dezember 30, 2007

Ely Beinhorn
Beinhorn
Elly Rosemeyer-Beinhorn wurde am 30.5.1907 in Hannover geboren und verstarb am 28.11.2007 in Ottobrunn. Sie war eine berühmte deutsche Fliegerin des 20. Jahrhunderts. In den 1930er Jahren stellte die Luftfahrtpionierin etliche Langstreckenflugrekorde auf.

Leben:
Elly Rosemeyer-Beinhorn war das einzige Kind des Kaufmanns Hans Beinhorn. Als Sechzehnjährige wollte sie auf Abenteuerreise gehen und bewarb sich beim Tierpark Hagenbeck als Tierfängerin, bekam aber nie eine Antwort. Im Sommer 1928 besuchte sie einen Vortrag des Fliegers Hermann Köhl. Von da an hatte sie nur noch das Fliegen im Kopf. Der Hannoversche Aeroclub lehnte es ab, eine Frau auszubilden, also fuhr sie nach Berlin-Staaken.
Im November 1928 saß Elly Beinhorn erstmals am Steuerknüppel eines Flugzeuges. Ihr Fluglehrer war Otto Thomsen, der auch Hanna Reitsch und Wernher von Braun unterrichtete. Thomsen war ein guter Lehrer, und Elly musste sich wie üblich neben dem Fliegen auch mit Motorenkunde, Wetter- und Instrumentenkunde und mit rechtlichen Themen befassen.
Im Winter 1929 absolvierte sie ihren A-Schein. Anschließend machte sie in Würzburg, bei Ritter von Greim, ihren Kunstflugschein. Mit ihrem Ersparten kaufte sie sich eine Messerschmitt M23, einen Tiefdecker. Ihren ersten Flugtag bestritt sie in Königsberg unter den Augen von Ernst Udet.
Im Juni 1930 fand in Bonn-Hangelar die erste deutsche Damenkunstflugmeisterschaft statt. Elly hatte das Reglement nicht richtig gelesen und vollführte die Figuren nicht vorschriftsgemäß. Tief enttäuscht musste sie den Titel der Kölnerin Liesel Bach überlassen, die ihn mehrere Jahre lang verteidigen konnte.

Erster Afrikaflug (1931):
Beinhorn träumte von einem Langstreckenflug, es mangelte ihr jedoch vorerst an Geld. Gemeinsam mit Katja Heidrich machte sie Reklameflüge für eine Brauerei aus dem heutigen Saarland, um ihre Kasse zu füllen. In Saarbrücken machte sie ihren ersten Bruch – sie setzte zu einer übertrieben schneidigen Landung an, kam mit der Nase auf und prallte auf die Piste. Beinhorn und ihr Passagier blieben dabei unverletzt.
Dann jedoch hatte sie Glück: Der österreichische Forscher Dr. Hugo Bernatzik und Professor Struck vom Dresdener Museum für Völkerkunde waren dabei, eine Expedition nach Westafrika (Bissagos-Archipel) vorzubereiten, und suchten dafür einen Sportflieger für Luftaufnahmen. Bernatzik hatte nichts gegen eine Frau im Cockpit, konnte jedoch die benötigten Mittel für eine neue Maschine mit Schwimmern nicht zur Verfügung stellen. Elly Beinhorn fand schließlich eine gebrauchte Klemm Kl 26, die sie in Böblingen generalüberholen ließ.
Am 4. Januar 1931 startete sie zu ihrem ersten Afrikaflug – und musste schon nach 650 km mit verölten Zündkerzen auf einem Schneefeld im Schwarzwald zwischenlanden. Erst nachdem ein Mechaniker der Klemm-Werke aus Böblingen saubere Kerzen eingebaut hatte, flog sie über Spanien und Gibraltar nach Rabat, Casablanca und Port Juby. Über 2000 km flog sie an der afrikanischen Küste entlang nach Dakar. Am 1. Februar traf sie in Bissau ein, wo sie Bernatzik traf. Während mehrerer Wochen arbeitete sie mit ihm zusammen und machte die gewünschten Luftaufnahmen. Dabei erlebte Elly Beinhorn einige Abenteuer, die sie ausführlich in ihrer Autobiografie festhielt: Wanderameisen im Flugzeug, Sandstürme, Heuschreckenschwärme, aber auch Safaris und ein bemerkenswerter Flug zur Insel Bubac. „Ich hatte erreicht, wovon ich schon als Kind zwischen den Hannoverschen Häusermauern geträumt hatte. Das war das Leben!“
Beim Rückflug nach Deutschland musste sie zwischen Bamako und Timbuktu wegen einer gerissenen Benzinleitung im Regenwald notlanden. Sie fand bei einem Stamm der Songhai Aufnahme, die einen Boten nach Timbuktu schickten. Fünf Tage lang sah und hörte sie die Flugzeuge, die nach ihr suchten, konnte aber keinen Kontakt mit ihnen aufnehmen. Dann erst fand sie einen Songhai, der französisch sprach und sie nach Timbuktu führte. Krank und völlig erschöpft kam sie schließlich zu Fuß dort an. Die Nachricht ging um die Welt und Elly Beinhorn wurde über Nacht berühmt.
Nach einigen Tagen Erholung ging sie mit einem Team zurück in den Urwald, um ihre Maschine zu bergen. Sie konnten jedoch nur den Motor und die Instrumente retten. In einem Militärflugzeug wurde Beinhorn nach Bamako zurückgebracht. Dort erfuhr sie von ihrer neuen Berühmtheit: Die B.Z. am Mittag (eine Berliner Tageszeitung) wollte ihr ein Flugzeug zur Verfügung stellen und schickte Theo Osterkamp mit der neuen Maschine nach Casablanca. Beinhorn fuhr mit Eisenbahn und Schiff dorthin. Von dort flog sie gemeinsam mit Osterkamp nach Rom, wo dieser dann den Zug nahm. Elly Beinhorn flog zurück nach Deutschland und landete am 29. April 1931 in Berlin-Staaken.

Weltumrundung im Alleinflug (1932):
Schon kurz nach ihrer Rückkehr nach Deutschland hatte Beinhorn neue Pläne: sie wollte nach „irgendwo da unten rechts“ (auf dem Atlas) fliegen. Aber erst galt es, ihre Schulden zurückzuzahlen sowie die für das neue Projekt der Weltumrundung benötigten finanziellen Mittel aufzutreiben. Mit Vorträgen, Zeitungsartikeln und Interviews konnte sie einiges verdienen und nach ihrem erfolgreichen Afrikaflug fand sie auch schnell Sponsoren für einen Flug nach Indien.
Am 4. Dezember 1931 startete sie von Berlin-Staaken in Richtung Indien. Von Berlin über die Türkei nach Bagdad, dann nach Bushire am Persischen Golf. Kurz vor Bushire musste sie notlanden, weil die Benzinleitungen wegen des verschmutzten Benzins verstopft waren. Zu Fuß marschierte sie die 150 km nach Bushire, wo sie den US-amerikanischen Flieger Moye Stephens und den Reiseschriftsteller Richard Halliburton kennenlernte. Die beiden erklärten sich bereit, ihr mit ihrem Flugzeug zu helfen. Nachdem die Klemm nach Bushire transportiert und repariert war, flogen sie gemeinsam über Agra, Allahabad nach Kalkutta. In Kalkutta hoffte Beinhorn, ihre Kollegin Marga von Etzdorf zu treffen, die jedoch in China festsaß. Während des Wartens auf Neuigkeiten von Etzdorf traf sie Charles Kingsford-Smith, der ihr von Australien erzählte.
Sie wusste nicht recht, was sie nun tun sollte. Ein Flug nach Australien erschien ihr vorerst zu gefährlich. Nach Japan konnte sie wegen politischer Unruhen in China nicht fliegen. Gemeinsam mit Stephens und Halliburton flog sie in den Himalaya. Nach einer Zwischenlandung in Kalkutta flogen sie dann gemeinsam weiter nach Bangkok und Singapur. Hier trennten sich ihre Wege: der „Fliegende Teppich“ flog nach Borneo und zu den Philippinen, während Elly Beinhorn zu den Sunda-Inseln weiterflog.
In Batavia wurde sie als erste Frau, die mit einem Flugzeug landete, gefeiert. Sie musste an einer „nie enden wollenden Kette von Empfängen“ teilnehmen. Um sich die Zeit zu vertreiben, besorgte sie sich gute Karten und sprach mit Fliegerkollegen, die die Timorsee bereits überflogen hatten. Alle rieten ihr ab – ihre winzige Klemm-Maschine sei für die gefährliche Strecke einfach zu klein und zu fragil, die einmotorige Maschine zu schwach und die Navigationsinstrumente ungenügend. Der Widerspruch reizte Beinhorn jedoch so sehr, dass sie das vermeintlich Unmögliche möglich machen wollte. Von Soerabaya aus reiste sie nach Bali.
Sieben Stunden sollte der Flug über die Timorsee dauern. Wegen der Schauergeschichten, die ihre männlichen Kollegen ihr erzählt hatten, um sie von dem Flug abzuhalten, ließ sie sich von drei englischen Wasserflugzeugen begleiten, die sie im Notfall retten sollten. Ohne Probleme trafen sie jedoch in Darwin ein, wo sie von einem begeisterten Publikum empfangen wurden.
In fünf Tagen flog sie anschließend weiter über den Australischen Kontinent nach Sydney. Am 2. April 1932 traf sie dort ein und wurde von Charles Kingsford-Smith und vielen anderen Fliegerkameraden in der Luft begrüßt. „Nie werde ich es mir verzeihen, dass ich zur Eröffnung der Sydney-Hafenbrücke vierzehn Tage zu spät gekommen bin“. Beinhorn verbrachte fast einen Monat in Sydney, wo sie Vorträge hielt und Geld für ihren Weiterflug sammelte. Die Australier liebten „das hübsche Mädchen in seiner winzigen Holzkiste“. Derweil organisierte sie ihre Weiterreise nach Südamerika.
Die Strecke war für die einmotorige Klemm zu weit. Also wurde sie zerlegt und auf einem Schiff nach Neuseeland gebracht. Dort wurde sie umgeladen, um ihre Reise über den Stillen Ozean anzutreten. Die Reise dauerte für ihren Geschmack viel zu lange. In Panama musste sie erfahren, dass es nicht möglich sei, von dort aus weiterzufliegen, da es entlang der gesamten 2000 km der Südamerikanischen Westküste keinen Flugplatz und kein Benzin gäbe. Noch während sie sich den Kopf darüber zerbrach, wie sie ihren Weiterflug organisieren sollte, ließ sie die Klemm auf dem Flugplatz von Panama aufbauen. Sechs Zusatztanks wurden eingebaut und Beinhorn musste viele ihrer Gerätschaften (darunter ein Grammofon, das sie bis hierher begleitet hatte) zurücklassen. Aber nun hatte sie für elf Stunden Sprit.
Elly Beinhorn folgte der Küste entlang nach Cali in Kolumbien. Obwohl sie den Flug optimal vorbereitet hatte, war ihr bei der Sache gar nicht wohl. Sie flog im Zickzack über alle vorhandenen Funk- und Radiostationen, damit man im Notfall Bescheid wusste, wo sie sich gerade befand. Sie erreichte Cali jedoch ohne Probleme. Von dort flog sie weiter nach Lima (Peru), wo sie vom peruanischen Präsidenten als Ehrengast empfangen wurde und vom Luftfahrtminister das offizielle peruanische Fliegerkreuz verliehen bekam.
Von Lima flog sie weiter nach Arica in Chile. Wegen politischer Unruhen war in Chile das Benzin rationiert: jeder bekam nur fünf Liter pro Woche. Die deutschen Immigranten in Chile hatten jedoch von der berühmten Landsfrau gehört und sammelten ihre Benzinrationen, damit sie bis Santiago de Chile weiterfliegen konnte. Dort erfuhr sie – ein weiteres Mal – dass ein Weiterflug über die Anden in der kleinen, einmotorigen Klemm „völlig ausgeschlossen“ war. Während ihres Aufenthaltes in Santiago fand dort eine Revolution statt, weshalb sie erst einmal festsaß. Sie nutzte die Zeit für Film- und Fotoaufnahmen, mit denen sie ihre Vorträge illustrieren wollte.
Der Pass, den Beinhorn anfliegen wollte, lag auf 5000 m Höhe. Um mit der Klemm so hoch steigen zu können, musste Beinhorn weiteren Ballast zurücklassen. Das Gepäck sollte ihr per Verkehrsmaschine nachgeschickt werden. Sie ließ das Flugzeug außerdem mit einem Sauerstoffgerät ausrüsten. Die Strecke nach Mendoza in Argentinien betrug ungefähr 250 km und Beinhorn hoffte, sie in zwei Stunden bewältigen zu können. Oben auf dem Pass geriet sie jedoch in einen gefährlichen Aufwind. „Es warf mich herauf und herunter, dass mir Hören und Sehen verging. Mitten zwischen den Felsen […] blieb mir alle Augenblicke das Benzin weg, weil durch die furchtbaren Böen der Motor keinen Brennstoff bekam. Ich kam gut auf der anderen Seite an. Aber unter den gleichen Voraussetzungen hätte ich den Flug nicht ein zweites Mal gewagt. Gern mit einer stärkeren Maschine, aber nicht mit 80 Pferdchen.“
Nach diesem Abenteuer rechnete sie für den Flug über die argentinische Pampa mit keinen weiteren Problemen. Wegen einer brüchigen Zylinderkopfdichtung musste sie jedoch notlanden. Nachdem sie den Schaden begutachtet hatte, füllte sie nur Öl nach und flog nach Buenos Aires weiter, um die Reparatur dort durchzuführen. In Buenos Aires wurde sie erneut mit allen Ehren empfangen und von Anlass zu Anlass weitergereicht.
Von der argentinischen Hauptstadt wollte Elly Beinhorn erst nach Rio de Janeiro fliegen, um dort ein Schiff nach Europa zu nehmen. Schlechtes Wetter zwang sie jedoch dazu, bereits in Argentinien an Bord zu gehen. Nach drei Wochen Überfahrt legte die Cape North in Bremerhaven an, wo sie von einer Menschenmenge begrüßt wurde. Im Begrüßungskomitee war auch die glücklose Marga von Etzdorf, die ihr persönlich zur Rückkehr mit unbeschädigter Maschine gratulierte. Die „Kaffeemühle“ wurde wieder zusammengesetzt und am 26. Juli 1932 landete Beinhorn in Berlin.
Nachdem die Reden und Ehrungen verstummt waren, fand sich die Rekordfliegerin mit 18.000 Reichsmark Schulden wieder. Sie wusste nicht, ob sie das Geld je abarbeiten oder jemals wieder einen Langstreckenflug finanzieren konnte. Die Rettung kam von Paul von Hindenburg, der sie mit dem mit 10.000 Reichsmark dotierten Hindenburgpokal für die beste sportfliegerische Leistung ehrte. Der Reichsverband der Deutschen Flugzeugindustrie übernahm die restliche Summe. Nachdem sich ihre finanziellen Probleme so wunderbar von selbst gelöst hatten, plante Elly Beinhorn bereits ihr nächstes fliegerisches Abenteuer.

Zweiter Afrikaflug: Transafrikana (1933):
Nach ihrem Weltflug war alles ein wenig einfacher für die „berühmteste Frau Deutschlands“: Mit Vorträgen, Reiseberichten und ihren Filmen und Fotos verdiente sie innerhalb weniger Monate genug Geld, und ein neues Flugzeug (eine Maschine mit geschlossener Kabine) wurde ihr zur Verfügung gestellt. Von Berlin aus wollte sie über Konstantinopel und Aleppo nach Kairo fliegen, dem Nil entlang über Khartum nach Juba, dann über Nairobi und Johannesburg nach Kapstadt fliegen.
Auf dieser Reise hatte Beinhorn mehr Probleme als je zuvor. Einerseits machte ihr der tragische Tod ihrer Kollegin Marga von Etzdorf schwer zu schaffen. Andererseits hatte sie ständig mit den Bürokraten der Kolonialverwaltungen in Afrika zu kämpfen. So war es beispielsweise Frauen verboten, ohne männlichen Geleitschutz den Sudan zu überfliegen. Nachdem ihre Einsprüche (schließlich hatte sie ohne männlichen Schutz die Welt umrundet) nicht fruchteten, machte sie sich auf die Suche nach einem Begleitflugzeug. Zwei Engländer machten sich schließlich eine Freude, die Pilotin zu schützen. Als diese jedoch unterwegs notlanden mussten, flog Beinhorn – nach der Feststellung, dass sie sich nicht in Gefahr befanden und nur ein Reifen geplatzt war – alleine weiter. In Juba wurde sie jedoch festgehalten – ohne Begleiter kein Weiterflug. Alles war sehr kompliziert: Als Frau ohne Begleitung war es ihr nicht möglich, zu den beiden Engländern zurückzufliegen und ihnen einen Schlauch zu bringen. Schließlich bekam sie von der britischen Kolonialverwaltung eine Ausnahmebewilligung und konnte den Flug planmäßig fortsetzen und abschließen.

Amerikareise (1934):
Elly Beinhorn verfügte nun über eine Klemm Kl 32 mit einem 160-PS-Motor, Kabine und drei Sitzen. Damit wollte sie die historischen Städte der Maya auf der Halbinsel Yucatán in Mittelamerika besuchen. Ein Flug alleine dorthin hätte sich jedoch nicht gelohnt, weshalb sie diese Reise mit einem Besuch der USA verband.
Wiederum reiste sie per Schiff auf den amerikanischen Kontinent. In Chichén Itzá verbrachte sie einige Wochen und erforschte die Ruinen auf eigene Faust. Anschließend flog sie in die Vereinigten Staaten.
In Los Angeles traf sie zu ihrem großen Vergnügen Moye Stephen wieder, mit dem sie zu Beginn ihres Weltfluges einige Zeit lang gemeinsam geflogen war. Anschließend besuchte sie die von ihr bewunderte Amelia Earhart in Kansas – sie war hingerissen von ihrer Persönlichkeit und Natürlichkeit. Den geplanten Besuch bei Anne Morrow und Charles Lindbergh ließ sie fallen, als sie erfuhr, dass zu eben dieser Zeit der Prozess gegen den Entführer ihres Babys stattfand.
Überall, wo sie auf ihrem Amerikaflug durchkam, hielt Elly Beinhorn Vorträge und zeigte ihre Filme. Sie wurde von den Pilotinnen der Ninety Nines eingeladen, „um mit ihnen zu sprechen und zu fliegen“. Gemeinsam mit Thea Rasche nahm sie das Dampfschiff zurück nach Deutschland.

Rekordflüge (1935 und 1936):
Messerschmitt Bf 108 B Taifun der Lufthansa Berlin-Stiftung
Mit einer Messerschmitt Bf 108 plante Beinhorn einen Rekordflug der besonderen Art. In 24 Stunden wollte sie von Deutschland nach Asien und wieder zurück fliegen. Sie ließ dazu in den eleganten Viersitzer zwei größere Zusatztanks einbauen.
Am 13. August 1935, um halb vier in der Frühe, startete sie in Gleiwitz. Um 6 Uhr hatte sie bereits fünf Länder überflogen. Um 9 Uhr 20 erreichte sie die asiatische Seite des Bosporus, landete auf dem Rollfeld von Yeşilköy zwischen, um aufzutanken und machte sich nach einer knappen Stunde Pause wieder auf den Heimweg. Da sie Berlin anflog, musste sie 450 km mehr bewältigen als auf dem Hinflug. Kurz vor Berlin geriet sie in eine Schlechtwetterfront (wegen der die Lufthansa ihre Flüge nach Berlin abgesetzt hatte), erreichte jedoch trotz großer Schwierigkeiten Berlin Tempelhof. Um 18 Uhr 08 landete sie nach 3470 zurückgelegten Kilometern. Ihr ehemaliger Fluglehrer, Ernst Udet, begrüßte sie persönlich in Berlin mit den Worten „das hast du ganz nett gemacht“.
Im September 1935 besuchte Elly Beinhorn ein Autorennen auf dem Masaryk-Ring bei Brünn und lernte dort den Rennfahrer Bernd Rosemeyer kennen. Bald hatten die beiden ein Verhältnis, Beinhorn verspürte jedoch nicht den Wunsch zu heiraten. Sie befand sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, durfte die neuesten Sportflugzeuge testfliegen und konnte sich vor Anfragen für Vorträge kaum retten. Das alles wollte sie vorerst nicht aufgeben. Bernd Rosemeyer konnte sie jedoch überzeugen und am 13. Juli 1936 heirateten sie.
Pünktlich zum Hochzeitsfest wurde ihre brandneue Taifun (Bf 108) geliefert und sie begann sogleich mit den Versuchsflügen für einen neuen Rekordflug (in 24 Stunden über 3 Kontinente). Während sie ihre neue Maschine einflog, trainierte Rosemeyer auf dem Nürburgring für den GP von Deutschland.
In Berlin fanden die Olympischen Sommerspiele statt, Rosemeyer trainierte in Livorno und Elly Beinhorn flog über Konstantinopel nach Damaskus. Dort war der Startpunkt für ihren spektakulären Rekordflug, der sie in einem Tag über drei Kontinente führen sollte. Am 6. August 1936 startete sie um zwei Uhr morgens. Bei Sonnenaufgang hatte sie Kairo erreicht, wo sie zwischenlandete. Von Kairo flog sie über das Mittelmeer nach Athen. Als sie sich von dort nach Berlin aufmachen wollte, riss ihr ein Stein auf dem Rollfeld das Seitenruder weg. Die Techniker der Deutschen Lufthansa vor Ort reparierten den Schaden so schnell wie möglich und Beinhorn konnte ihren Flug planmäßig fortsetzen. Nach 3750 Kilometern landete sie am Abend wohlbehalten in Berlin Tempelhof, wo sie von ihrem Mann schon erwartet wurde.
Auf ihrer verspäteten Hochzeitsreise ins südliche Afrika ließ sich Rosemeyer von Elly Beinhorns „Flugverrücktheit“ anstecken. Bald nahm er Flugstunden und kaufte sich eine Klemm Kl 35.
Am 12. November 1937 kam in Berlin Bernd Rosemeyer Junior zur Welt (heute Prof. Dr. med. in München). Elly Beinhorn war auch während ihrer Schwangerschaft geflogen, was ihr scharfe Kritik einbrachte. Am 28. Januar 1938 wurde der Wagen ihres Mannes Bernd Rosemeyer bei einem Rekordversuch auf der Autobahn Frankfurt – Darmstadt in der Nähe von Mörfelden-Walldorf bei einer Geschwindigkeit von 440 km/h von einer Seitenwindbö erfasst und überschlug sich mehrmals. Er war auf der Stelle tot.

Flucht nach vorn:
Elly Beinhorn floh in die Luft. Sie wollte sich „die Augen und das Herz ausblasen“, ließ den kleinen Bernd bei seinen Großeltern und flog über Persien nach Indien und Siam. Sie wollte vergessen, „fliegen und vorwärts denken“. Über die Türkei, den Balkan und Ungarn flog sie zurück.
Im Herbst 1939 begann der Zweite Weltkrieg und an Sportfliegerei war nicht mehr zu denken. Beinhorn musste vorerst am Boden bleiben, ihre Taifun tat Dienst als Kuriermaschine bei der Luftwaffe. Elly Beinhorn heiratete 1942 erneut, den Industriekaufmann Dr. Karl Wittmann (1904–1976). 1942 kam ihre Tochter Stephanie zur Welt.
Es wäre auch für eine Frau möglich gewesen, in der deutschen Luftwaffe mitzufliegen: Beate Uhse, Hanna Reitsch und Gräfin Schenk von Stauffenberg taten dies, aber Elly Beinhorn hatte zwei kleine Kinder, um die sie sich kümmern musste. Ihre Wohnung in Berlin wurde ausgebombt – all ihre Erinnerungsstücke an ihre Flüge verbrannten dabei – und die Familie zog nach Ostpreußen um. Als die Front immer näher rückte, flüchtete sie mit ihren Kindern quer durch das zerbombte Deutschland und fand schließlich in Trossingen auf der Hochebene der Baar eine neue Heimat.
Nach dem Zweiten Weltkrieg durften deutsche Staatsbürger vorerst nicht fliegen. Ungeduldig wartete Elly Beinhorn auf den Moment, in dem sie sich wieder in die Luft erheben konnte. Oft besuchte sie den Segelflugplatz Klippeneck auf der Schwäbischen Alb, und eines Tages im Spätsommer 1948 fragte sie der französische Kommandant des Flugplatzes (der sie kannte), ob sie fliegen wolle. Also lernte sie Segelfliegen. Im Frühjahr 1951 erneuerte sie in der Schweiz mit einer gemieteten Piper ihren Pilotenschein (in Deutschland war dies immer noch verboten). Für eine Illustrierte flog sie als Journalistin und Fotografin nach Italien, Afrika, Finnland und in andere Länder.
Als in Deutschland das Fliegen wieder möglich geworden war, erneuerte Beinhorn auch ihren Kunstflugschein. 1959 nahm sie erfolgreich am 13. Powder Puff Derby teil und gewann die Goldmedaille im europäischen Sternflug. 1963 wurde sie Erste in der Kategorie Damen beim Europaflug sowie Zweite beim Alpen-Sternflug. Mit ihren Kindern zog sie nach Freiburg im Breisgau, wo sie Bücher und Hörspiele für den Rundfunk schrieb.
Im Jahre 1968 heiratete ihr Sohn Michaela Gräfin zu Castell-Rüdenhausen (*1945), die Tochter des Flugkapitäns Wulf Diether Graf zu Castell-Rüdenhausen (1905-1980) und seiner zweiten Gattin, der bekannten Schauspielerin Luise Ullrich (1910-1985).
1979 gab die damals 72-Jährige ihren Pilotenschein freiwillig ab. Zuletzt lebte sie in einem Seniorenheim bei München. Ihren 100. Geburtstag feierte sie dort am 30. Mai 2007 im kleinen Familienkreis.
Elly Beinhorn starb am 28. November 2007 im Alter von 100 Jahren.

http://www.zeit.de/2007/21/Abenteuer_Himmel?page=all

Marcel Marceau

Dezember 30, 2007

Marcel Marceau
Marceau
…wurde am 22.3.1923 in Straßburg in Frankreich geboren und verstarb am 22.9.2007 in Paris. Eigentlich hieß er Marcel Mangel und war ein berühmter Pantomime. Dem Publikum war er als „Bip“ vertraut, der tragikomische Clown im Ringelhemd mit dem weiß geschminkten Gesicht, dem zerbeulten Seidenhut und der roten Blume.

Leben:
Marcel Marceau wuchs in Straßburg mit dem Familiennamen Mangel als Sohn eines jüdischen Metzgers auf. Schon während seiner Jugend fiel er dadurch auf, dass er wenig sprach und seine Eindrücke und Ideen lieber durch Mimik und Gestik ausdrückte. Die großen Stummfilm-Stars wie Charlie Chaplin und Buster Keaton weckten schon früh sein Interesse für die Schauspielbühne, um die „Kunst der Stille“ (L’Art du Silence) zu seinem Beruf zu machen. Der Besuch der Schauspielschule wurde aber durch den Zweiten Weltkrieg zunächst unmöglich.
Bei Kriegsausbruch 1940 musste seine Familie fliehen. Sein Vater wurde von der Gestapo verhaftet und in Auschwitz ermordet. 1942 schloss er sich gemeinsam mit seinem Bruder in Limoges einer Gruppe der französischen Widerstandsbewegung an, welche später Teil der Widerstandsorganisation Francs-Tireurs et Partisans (FTP) wurde. Hier betätigte er sich u.a. durch die Fälschung von Ausweisdokumenten[1]. In dieser Zeit änderte er seinen Namen in Marceau und behielt ihn nach dem Krieg zur Erinnerung bei. Später kämpfte er als Angehöriger der französischen Armee gegen die deutschen Besatzer. Wegen seiner guten Englisch-Kenntnisse war er Verbindungsoffizier zur 3. US Army unter General George S. Patton. Die Kriegserfahrung lehrte ihn wichtige Charakterzüge der Pantomime: Das Leben im Versteck, die erzwungene Stille, die Angst, sich zu verraten. Seine Ur-Szene spielte Marceau wohl bereits 1943, als er in der Pariser Metro von der Gestapo aufgegriffen wurde. Als ein gesuchter jüdischer Widerstandskämpfer mit falschen Papieren unterdrückte er seine Angst und gab die Rolle des harmlosen Zivilisten. Hier erkannte er den Wert körperlicher Selbstbeherrschung.
1946 begann er seine Ausbildung im Pariser Sarah Bernhardt Theater. Seine Lehrer waren Charles Dullin und Étienne Decroux, der auch Lehrer von Jean-Louis Barrault war. 1946 lernte er seine Frau Madeleine Renaud kennen. An der Seite von Barrault spielte er in der Compagnie Barraults auf der Bühne den „Harlekin“ in der Pantomime Baptiste nach dem Film Kinder des Olymp. Die positive Kritik ermutigte ihn, eigene Mimodramen aufzuführen. 1947, im Alter von 24 Jahren, trat Marceau in Paris zum ersten Mal als „Monsieur Bip“ auf. In dieser Clown-Rolle, die ihn weltberühmt machte, tourte er über 40 Jahre lang um den Globus.
Die von ihm gegründete Compagnie de Mime Marcel Marceau war einzigartig auf der Welt und führte zahlreiche bekannte Theaterstücke als Mimodramen auf, u. a. Gogols Der Mantel (mit Soubeyran) und Tirso de Molinas Don Juan. Seinen internationalen Durchbruch schaffte er schließlich in der Bundesrepublik Deutschland. 1951 plante er ein viertägiges Gastspiel in Berlin, blieb dann aber für zwei Monate. Zu seinen Aufführungen kamen auch Bertolt Brecht und der Kritiker Friedrich Luft, der hinterher schrieb: Marceau macht eine neue Kunst, das muss man gesehen haben.
Ähnlich erging es ihm 1955 bei seiner ersten USA-Tournee. Aus einem zweiwöchigen Gastspiel wurde eine sechsmonatige Erfolgstournee zwischen Broadway und Hollywood. In dieser Zeit lernte er auch seine Idole Charles Laughton, Buster Keaton, Stan Laurel, Oliver Hardy und die Marx-Brothers persönlich kennen. Seinem größten Vorbild, Charlie Chaplin, begegnete er 1967 am Pariser Flughafen Orly. Seit den 1960er Jahren wurde er auch durch Solo-Auftritte über das Fernsehen bekannt.
Neben seinen Tourneen und Fernsehauftritten kümmerte sich Marceau auch um den künstlerischen Nachwuchs. 1978 gründete er mit Hilfe des damaligen Pariser Bürgermeisters Jacques Chirac die Schauspielschule École Internationale de Mimodrame de Paris, Marcel Marceau, in der nicht nur Pantomime, sondern auch die mime corporel dramatique von Étienne Decroux, Schauspiel, Klassischer Tanz und Fechten ausgebildet wurde. Mit den besten Absolventen formierte er 1993 eine neue Truppe, die Nouvelle Compagnie de Mimodrame. Ferner gehörte er seit 1950 dem internationalen Salzburg Seminar an, das er durch mehrere künstlerisch sensationelle Benefiz-Veranstaltungen persönlich finanziell unterstützte.
Erfolg hatte Marceau auch als Maler und Zeichner. Seine Werke wurden u. a. in Deutschland, Frankreich, Japan und in den USA gezeigt. Zudem schrieb und illustrierte er mehrere Bücher, darunter Die Geschichte des Bip und Pimporello, die Geschichte eines alten Straßenmimen und dessen Zuneigung zu einem kleinen verwilderten Mädchen, eine Hommage an Charlie Chaplin’s The Kid.
Marcel Marceau starb im Kreis seiner Familie in Paris. Dies gaben seine beiden Kinder bekannt. Über die Todesursache wurde zunächst nichts mitgeteilt. Marceau wurde auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise beigesetzt.

Wirkung [Bearbeiten]

Im Laufe seiner Karriere hatte Marceau die Themen und Ausdrucksmöglichkeiten der Pantomime ständig erweitert und seinem Publikum in den berühmten Pantomimes de Style vorgeführt. Zum festen Repertoire gehörten u. a. Die Erschaffung der Welt; Das Tribunal; Der Maskenmacher; Die Treppe; Im Volksgarten; Der Vogelfänger; Der Gerichtshof; Die Hände – Kampf zwischen Gut und Böse; Jugend, Reife, Alter, Tod; Der Alptraum des Taschendiebes; Die Bürokraten und Der Marsch gegen den Wind. Er bezeichnete seine pantomimischen Bilder auch als „Schreie der Stille“ und verstand sie als Möglichkeit, die Unbeholfenheit des Menschen auszudrücken.
Marceau beeinflusste bis heute zahlreiche Künstler aus allen Genres. Samuel Beckett inspirierte er zum pantomimischen Finale im Endspiel. Samy Molcho, Milan Sladek und Jango Edwards betonten seinen Einfluss auf ihre Karriere. Deutsche Mimen wie JOMI, Peter Makal und Rolf Mielke haben bei ihm gelernt. Der Schauspieler Anthony Hopkins und der Tänzer Rudolf Nurejew beriefen sich auf sein Vorbild. Michael Jackson wurde mit seinem Moonwalk durch den von Marceau kreierten Marsch gegen den Wind inspiriert. Diesen führte Marceau auch 1976 in der Stummfilm-Hommage Silent Movie von Mel Brooks auf. (In diesem Film war Marceau ironischerweise der einzige Schauspieler, der ein Wort spricht, nämlich „Non!“)
Noch 2005 ging der über 80-jährige Pantomime auf Tournee. In seiner Pariser Schule gab er nach wie vor Meisterkurse und nahm sämtliche Premieren ab. Dabei beharrte er auf dem wichtigsten Merkmal seiner Körperkunst:
Der Filmschauspieler muss vergessen machen, dass er spielt. Der Pantomime darf das nicht, er muss in beständiger Anspannung sein.
Die Pantomime ist die Kunst der Haltung.

http://www.marceaufoundation.org/

Paul Watzlawick

Dezember 30, 2007

Paul Watzlawick
Watzlawick
…wurde am 25.7.1921 in Villach, Kärnten geboren und verstarb am 31.3.2007 in Palo Alto, Kalifornien. Er war ein Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Psychoanalytiker, Soziologe, Philosoph und Autor. Seine Arbeiten hatten auch Einfluss auf die Familientherapie und allgemeine Psychotherapie. In der Bundesrepublik Deutschland wurde er auch durch seine populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen zur Kommunikationstheorie und über den radikalen Konstruktivismus bekannt. Er lebte und arbeitete in seiner Wahlheimat Kalifornien.

Leben:
Nach Erreichen der Matura im Jahre 1939 in Villach studierte er Philologie und Philosophie an der Universität Venedig. Im Jahre 1949 wurde er im Fach Philosophie promoviert. Von 1951 bis 1954 absolvierte er eine Ausbildung in Psychotherapie am C.-G.-Jung-Institut in Zürich, Schweiz, die er mit dem Analytikerdiplom abschloss.
Im Jahre 1957 erhielt er einen Ruf an die Universität El Salvador, San Salvador. Den Lehrstuhl für Psychotherapie hatte er bis zum Jahre 1960 inne. Schwerpunkte seiner Forschungsarbeit als Professor für Psychotherapie waren Kommunikationsprozesse und die systemische Familientherapie. Die praktischen Erfahrungen, die Watzlawick zur Formulierung seiner Kommunikationstheorie veranlassten, gewann er bei der Erforschung der Kommunikation schizophrener Patienten, die meistens als Mitglieder von normalen oder psychotisch gestörten Familien unter klinischer Beobachtung standen bzw. in therapeutischer Behandlung waren. Sein systemisches Denken erläuterte er in einem Interview:
„Der systemische Ansatz basiert auf der Situation im Jetzt und Hier. Das heißt auf der Art und Weise, in der die Menschen miteinander kommunizieren und im Kommunizieren dann in Schwierigkeiten kommen können. Wir versuchen also zu verstehen, wie das menschliche Bezugssystem funktioniert, in dem der sogenannte Patient mit drinnen steht und mitwirkt… Unsere Frage ist: Wozu? Was ist die Funktion des sogenannten Symptoms? Das geht so weit für mich, dass, wenn ich zum Beispiel Ehe-Therapie betreibe, der Patient nicht mehr der Mann oder die Frau sondern die Beziehung zwischen diesen beiden Menschen ist. Das ist mein Patient. An der Beziehung will ich arbeiten.“
Im Jahre 1960 wurde Watzlawick von Don D. Jackson als Mitarbeiter in die Palo-Alto-Gruppe ins kalifornische Palo Alto geholt, wo Watzlawick fortan als Forschungsbeauftragter am Mental Research Institute tätig war. Maßgeblich entwickelte er mit Gregory Bateson und weiteren Kollegen die Doppelbindungstheorie. Im Jahre 1967 erhielt Watzlawick zusätzlich einen Lehrauftrag im Fachbereich Psychiatrie an der Stanford University.
Watzlawick leistete bedeutende Beiträge zum radikalen Konstruktivismus. Ebenso lieferte er zusammen mit J. H. Beavin und Don D. Jackson vielbeachtete Überlegungen zur Theoriebildung über Kommunikation. Im Jahre 2002 erhielt Watzlawick den Ehrenpreis des Viktor-Frankl-Fonds der Stadt Wien. Er starb im Alter von 85 Jahren in seiner Wahlheimat Palo Alto an einer schweren Krankheit. Für außergewöhnliche Leistungen in der Kommunikationsbranche wird in Österreich der Paul-Watzlawick-Preis verliehen.

Kommunikationstheorie:
Watzlawick entwickelte eine Kommunikationstheorie, die auf fünf pragmatischen Axiomen aufbaut. Die Axiome bedingen Regeln für eine funktionierende Kommunikation: Jede Störung von Kommunikation kann auf ein Handeln gegen diese Axiome zurückgeführt werden.

„Man kann nicht nicht kommunizieren!“
Sobald zwei Personen sich gegenseitig wahrnehmen können, kommunizieren sie miteinander, da jedes Verhalten kommunikativen Charakter hat. Watzlawick versteht Verhalten jeder Art als Kommunikation. Da Verhalten kein Gegenteil hat, man sich also nicht nicht verhalten kann, ist es auch unmöglich, nicht zu kommunizieren. Dieses Axiom ist auch bekannt als Metakommunikatives Axiom.

Inhalt und Beziehung:
„Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, wobei Letzterer den Ersteren bestimmt.“
Jede Kommunikation enthält über die reine Sachinformation (Inhaltsaspekt) hinaus einen Hinweis, wie der Sender seine Botschaft verstanden haben will und wie er seine Beziehung zum Empfänger sieht (Beziehungsaspekt). Der Inhaltsaspekt stellt das Was einer Mitteilung dar, der Beziehungsaspekt sagt etwas darüber aus, wie der Sender diese Mitteilung vom Empfänger verstanden haben möchte. Der Beziehungsaspekt zeigt, welche emotionale Beziehung von einem Kommunikationspartner gesetzt wird. Daraus folgt, dass der Beziehungsaspekt bestimmt, wie der Inhalt zu interpretieren ist. Die Art der Beziehung zwischen zwei Kommunikationspartnern ist für das gegenseitige Verständnis von grundlegender Bedeutung.
Kommunikation gelingt, wenn auf beiden Ebenen und bei beiden Kommunikationspartnern Einigkeit über den Inhalts- und Beziehungsaspekt herrscht. Sie misslingt, wenn ein Kommunikationspartner unterschiedliche oder gegensätzliche Botschaften sendet, oder wenn der andere Kommunikationspartner eine der beiden Aspekte anders interpretiert.

Interpunktion:
„Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktionen der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt.“
Dies bedeutet, dass Sender und Empfänger den Kommunikationsablauf unterschiedlich gliedern und so ihr eigenes Verhalten oft nur als Reaktion auf das des anderen interpretieren, das heißt, die Ursache für die eigene Reaktion wird dem anderen zugeschoben. Menschliche Kommunikation ist aber nicht in Kausalketten auflösbar, sie verläuft vielmehr kreisförmig. Niemand kann genau angeben, wer beispielsweise bei einem Streit wirklich „angefangen hat“. Anfänge werden nur subjektiv gesetzt als sogenannte „Interpunktionen“.
Den Ablauf, in dem Ursache und Wirkung ihre Stellung in der Kommunikation verändern können, nennt man Interdependenz. Gelingende Kommunikation findet statt, wenn beide Partner als Ursache und Wirkung die gleichen Sachverhalte festlegen und Kommunikation als Regelkreis verstehen. Sie misslingt, wenn die Partner an unterschiedlichen Punkten des Kommunikationsablaufes einen Einschnitt vornehmen und jeweils für sich sagen: „Hier hat es angefangen, das ist die Ursache.“

digital und analog.
„Menschliche Kommunikation ist digital und analog.“
Nicht nur das gesprochene Wort (in der Regel digitale Kommunikation), sondern auch die nonverbalen Äußerungen (z. B. Lächeln, Wegblicken,…) teilen etwas mit. Die digitale Kommunikation verfügt über eine komplexe und logische Syntax, die analoge Kommunikation über eine semantische Bedeutung von Informationen. Mit analogen Elementen wird häufig die Beziehungsebene vermittelt, mit digitalen die Inhaltsebene.
Kommunikation gelingt bei Übereinstimmung zwischen analoger und digitaler Botschaft und wenn die Kommunikationspartner beide Teile der Botschaft in gleicher Weise interpretieren. Kommunikation misslingt bei Nichtübereinstimmung oder bei Unklarheiten einer der beiden Botschaften oder dann, wenn eine oder beide Botschaften unterschiedlich interpretiert werden. Wenn die analoge und die digitale Aussage übereinstimmen, ist die Botschaft kongruent. Besondere Probleme entstehen dadurch, dass beide Ebenen mehrdeutig sein können und vom Kommunikationspartner interpretiert werden müssen.

symmetrisch oder komplementär:
„Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind symmetrisch und/oder komplementär.“
Beziehungen zwischen Partnern basieren entweder auf Gleichheit oder auf Unterschiedlichkeit. In komplementären Beziehungen ergänzen sich unterschiedliche Verhaltensweisen und bestimmen den Interaktionsprozess. Die Beziehungsgrundlage besteht hierbei in der Unterschiedlichkeit der Partner. Häufig drückt sich diese Unterschiedlichkeit in einer Unterordnung aus, d.h. der eine hat die Oberhand über den anderen. Eine symmetrische Beziehungsform zeichnet sich dadurch aus, dass die Partner sich bemühen, Ungleichheiten untereinander zu minimieren (Streben nach Gleichheit).

Zuviel des Guten:
Watzlawick hat Heraklits Gedanken von der „Einheit in der Vielfalt“ der Dinge – Enantiodromie – aufgegriffen und darauf hingewiesen, dass ein Zuviel des Guten stets ins Böse umschlage. Zuviel Patriotismus erzeuge Chauvinismus oder zuviel Sicherheit Zwang.

Konstruktion der Wirklichkeit:
Besonders bekannt wurde folgendes Beispiel aus der „Anleitung zum Unglücklichsein“. Darin beschreibt Watzlawick einen Mann, der alle zehn Sekunden in die Hände klatscht. Nach dem Grund für dieses merkwürdige Verhalten befragt, erklärt er: „Um die Elefanten zu verscheuchen.“ Auf den Hinweis, es gebe hier doch gar keine Elefanten, antwortet der Mann: „Na, also! Sehen Sie?“ Damit wollte Watzlawick zeigen, dass der konsequente Versuch, ein Problem zu vermeiden – hier: die Konfrontation mit Elefanten – es in Wirklichkeit verewigt.

Publikationen:
mit Janet H. Beavin/Don D. Jackson: Menschliche Kommunikation – Formen, Störungen, Paradoxien. Huber, Bern 1969, ISBN 3456834578
mit John H. Weakland/Richard Fisch: Lösungen – Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels. Huber, Bern 1974, ISBN 3-456-80038-X
Wie wirklich ist die Wirklichkeit – Wahn, Täuschung, Verstehen. Piper, München 1976, ISBN 3-492-02182-4
Die Möglichkeit des Andersseins – Zur Technik der therapeutischen Kommunikation. Huber, Bern 1977, ISBN 3-456-80433-4 (Neuauflage 2002, ISBN 978-3-456-83895-3)
Gebrauchsanweisung für Amerika – Ein respektloses Reisebrevier. Piper, München 1978, ISBN 3-492-02401-7
Die erfundene Wirklichkeit – Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben?. Piper, München 1981, ISBN 3-492-02581-1
Anleitung zum Unglücklichsein. Piper, München 1983, ISBN 3-492-02835-7
Vom Schlechten des Guten oder Hekates Lösungen. Piper, München 1986, ISBN 3-492-03085-8
Münchhausens Zopf oder Psychotherapie und „Wirklichkeit“. Huber, Bern 1988, ISBN 3-456-81708-8
Vom Unsinn des Sinns oder vom Sinn des Unsinns. Picus, Wien 1992, ISBN 3-85452-315-7
Wenn du mich wirklich liebtest, würdest du gern Knoblauch essen – Über das Glück und die Konstruktion der Wirklichkeit. Piper, München 2006, ISBN 3-492-04942-7

http://www.uni-oldenburg.de/germanistik-kommprojekt/sites/1/1_05.html

http://www.mri.org/

Denny Doherty

Dezember 30, 2007

Denny Doherty
Doherty
…wurde am 29.11.1940 in Halifax, Neuschottland geboren und verstarb am 19.1.2007 in Mississauga, Ontario. Er war ein kanadischer Sänger und Mitglied der Gruppe The Mamas and the Papas.

Karriere:
1960 gründete Doherty in Montreal, Québec, die Folk-Gruppe The Colonials. Als die Gruppe schon bald einen Plattenvertrag mit Columbia Records bekam, wurde der Name in The Halifax Three geändert. Mit The Man Who Wouldn’t Sing Along With Mitch hatte die Band ihren einzigen Hit und wurde bereits 1963 wieder aufgelöst. Ironischerweise geschah diese Auflösung in einem Hotel namens The Colonial.
1963 freundete sich der Sänger mit Cass Elliot, die zu dieser Zeit in der Band The Big Three spielte, an. Während einer Tour mit den Halifax Three traf er schließlich den Sänger John Phillips sowie dessen Ehefrau Michelle.
Nach der Auflösung der Halifax Three wurden Doherty und das weitere ehemalige Bandmitglied Zal Yanovsky auf Bestreben Elliots Mitglieder bei den Big Three. Da die Anzahl der Bandmitglieder nun auf Vier gestiegen war, änderte die Band ihren Namen in The Mugwumps, aufgrund von Erfolglosigkeit und der daraus resultierenden Insolvenz der Gruppe erfolgte jedoch schon bald die Auflösung.
Während dieser Zeit benötigte John Phillips’ neue Band, The New Journeymen einen Ersatzmann für den abgesprungenen Sänger Marshall Brickman. Nachdem Doherty Brickmanns Part übernommen hatte, wurde auch Cass Elliot in die Band, die sich von nun an The Magic Circle nannte, aufgenommen. Im September 1965 unterzeichnete die Gruppe einen Plattenvertrag mit Dunhill Records und änderte ihren Namen in The Mamas & the Papas. Das Debutalbum If You Can Believe Your Eyes and Ears erschien bald darauf.

Zeit bei The Mamas & the Papas:
In der folgenden Zeit hatte die Band ihre ersten großen Erfolge, doch dann wurde bekannt, dass Dennis und Michelle eine Affäre miteinander hatten, die sie allerdings lange Zeit geheim halten konnten.
John und Michelle verließen das gemeinsame Haus mit Dennis, die Band blieb aber trotz der Untreue untereinander bestehen, kurze Zeit später musste Michelle die Band verlassen, wurde jedoch schon bald wiederaufgenommen.
1968 lösten sich The Mamas and the Papas nach erneuten Problemen auf.

Zeit danach:
Elliot und Doherty blieben auch in der Folgezeit Freunde, Doherty begann allerdings schon bald zu trinken, um Michelle, die er immer noch nicht vergessen konnte, aus seinem Leben zu verdrängen. Einen Heiratsantrag von Elliot lehnte er ab.
1974 kam es zum traurigen Wiedersehen mit den alten Bandmitgliedern auf der Beerdigung Cass Elliots, die kurz zuvor an einem Herzinfarkt verstorben war.
1982 starteten The Mamas and the Papas einen Neuanfang, die Band bestand nun aus Doherty, John Phillips, dessen Tochter Mackenzie Phillips sowie Spanky McFarlane. Die Band tourte noch einmal mit alten und neuen Liedern, der Erfolg blieb allerdings aus, sodass The Mamas and the Papas endgültig aufgelöst wurden.
Daraufhin produzierte Doherty das recht erfolgreiche Broadway Musical Dream a Little Dream, in dem die Geschichte der Band aus seiner Sicht erzählt wurde.
1993 war Doherty noch einmal in der Kinderserie Theodore Tugboat im Fernsehen zu sehen, zog sich aber zusehends aus der Öffentlichkeit zurück.
Denny Doherty starb am 19. Januar 2007 in seinem Haus in Mississauga, Ontario an einer Arterienerweiterung.
Doherty war zweimal verheiratet und hatte mit beiden Ehepartnern ein Kind – einen Sohn (Pete) und eine Tochter.

Raul Hilberg

Dezember 30, 2007

Raul Hilberg
Hilberg
… wurde am 2.6.1926 in Wien geboren und verstarb am 4.8.2007 in Williston, Vermont, USA. Er war ein US-amerikanischer Historiker österreichischer Herkunft und gilt als einer der bekanntesten und bedeutendsten Holocaust-Forscher. Mit der mehrfach aktualisierten Fassung seiner Dissertation „The Destruction of the European Jews“ („Die Vernichtung der europäischen Juden“) schrieb er das Standardwerk zur Geschichte des Holocausts.

Leben:
Hilberg wanderte 1939 im Alter von 13 Jahren mit seiner Familie über Kuba in die USA aus. In Brooklyn, New York City, besuchte er die Abraham Lincoln High School. Ab 1944 diente er in der amerikanischen Armee. Im Braunen Haus in München als Soldat einquartiert, stieß er kurz nach dem Krieg auf Teile der kaum benutzten Privatbibliothek Adolf Hitlers.
Ab 1948 besuchte er im Brooklyn College die Vorlesungen des Emigranten Hans Rosenberg zur Geschichte des preußischen Beamtentums. Noch im selben Jahr wechselte er an die Columbia University, um bei dem sozialistischen Juristen Franz Neumann studieren zu können. Neumanns Studie über die nationalsozialistische Diktatur, Behemoth, hatte auf Hilberg einen tiefen Eindruck gemacht. Er begann 1948 mit seiner Magisterarbeit und besprach auch schon seine geplante Dissertation The Destruction of European Jewry. 1951 erhielt er eine befristete Stelle im War Documentation Project unter Leitung von Fritz Epstein. Bis zu seiner Promotion musste er Politikwissenschaft an verschiedenen Universitäten unterrichten, nachdem sein Doktorvater und Unterstützer Neumann wegen eines Unfalls 1954 verstarb. 1955 erhielt er eine Professur an der kleinen Universität in Burlington, Vermont, an der er bis zu seiner Emeritierung 1991 lehrte und forschte. Mit dem Tagebuch von Adam Czerniakow, dem Vorsitzenden des Ältestenrats des Warschauer Ghettos, edierte Hilberg 1979 eines der eindrucksvollsten Zeugnisse der Verfolgung. Für Claude Lanzmanns epische «Shoah»-Filmdokumentation las und kommentierte Hilberg Auszüge aus Czerniakows Tagebuch. „Du warst Czerniakow“, bemerkte Lanzmann am Ende der Sequenz. Lanzmann sah in Hilberg einen Wesensverwandten von Czerniakow, dem nüchternen Chronisten des Untergangs.
Am 4. August 2007 starb Raul Hilberg im Alter von 81 Jahren in Williston, Vermont, aufgrund eines erneut auftretenden Lungenkrebsleidens, ohne jemals Raucher gewesen zu sein. In erster Ehe war er mit Christine Hemenway verheiratet. Er hinterlässt zwei Kinder aus dieser Ehe und seine zweite Ehefrau Gwendolyn geb. Montgomery.

Werk:
Für sein Hauptwerk Die Vernichtung der europäischen Juden wertete Hilberg zahllose Quellen aus, um die gesamte Geschichte des Holocausts zu analysieren. Erst nach einer Odyssee von sechs Jahren durch fünf Verlage wurde seine Dissertation von dem kleinen amerikanischen Verlag Quadrangle Books (Chicago) verlegt (engl. The Destruction of the European Jews, 1961). Ein wohlhabender Gönner, Frank Petschek, finanzierte eine Auflage von 5.500 Exemplaren, um diese wenigstens Bibliotheken anbieten zu können. Historiker von Yad Vashem beanstandeten Hilbergs kritische Einschätzung des aktiven und passiven jüdischen Widerstandes. Hans Mommsen führt für diese Abwehr folgenden Grund an: „Zu Beginn der 50er Jahre neigten fast alle Überlebenden, auch die jüdischen Verbände in den USA, sowie die internationale historische Forschung dazu, die Erinnerung an den Holocaust herunterzuspielen, ja zu verdrängen.“ Auch bei Hannah Arendt, die 1959 ein Gutachten zu Hilbergs Dissertation verfasste, stieß seine akribische Untersuchung zunächst auf Ablehnung. Bis heute wurde Hilbergs Hauptwerk nicht in Israel verlegt.
Der deutsche Verlag Droemer Knaur, der bereits 1963 die Rechte an Hilbergs Werk erworben hatte, entschied sich Ende 1965 gegen eine Veröffentlichung des Buchs. Dass das Buch 20 Jahre lang keinen deutschen Verleger fand, wertete der Spiegel als einen „Skandal des deutschen Verlagswesens“.(Quellenangabe erforderlich!) Der Berliner Verlag Olle & Wolter brachte das überarbeitete und ergänzte Buch 1982 heraus; es blieb wenig beachtet. Walter Pehle, Lektor für Zeitgeschichte im S. Fischer Verlag, gelang es 1990 gegen interne Widerstände, Hilbergs Hauptwerk als Taschenbuch aufzulegen. Es erschien mit weiteren Neuauflagen, in die neue Forschungserkenntnisse eingearbeitet wurden. Im Nachruf der Frankfurter Rundschau wurde moniert, dass eine „Publikationsgeschichte von Raul Hilbergs Hauptwerk [...] noch nicht geschrieben“ worden sei.
Hilbergs umfassende Darstellung der Shoah gilt weiterhin als Standardwerk zum Thema und wurde vom Autor ständig aktualisiert. Hilberg wies darin auf die vielen mitwirkenden Personen und nationalsozialistischen Organisationen hin, die durch Forderungen und Initiativen zur Entschlussbildung der „Endlösung“ beitrugen. Seine Deutung fasste er 1983 so zusammen:
„Aber was 1941 begann, war kein im Voraus geplanter, von einem Amt zentral organisierter Vernichtungsvorgang. Es gab keine Pläne und kein Budget für diese Vernichtungsmaßnahmen. Sie erfolgten Schritt für Schritt, einer nach dem anderen. Dies geschah daher nicht etwa durch die Ausführung eines Planes, sondern durch ein unglaubliches Zusammentreffen der Absichten, ein übereinstimmendes Gedankenlesen einer weit ausgreifenden Bürokratie.“
Hilberg setzte sich damit von intentionalistischen Historikern wie Eberhard Jäckel, Helmut Krausnick oder Klaus Hildebrand ab, die behaupteten, Hitler habe mit der Endlösung seine lange vorher gefassten Pläne stringent umgesetzt. Ähnlich wie die Funktionalisten unter den Historikern, namentlich Martin Broszat, Hans Mommsen und Christopher Browning, deutete Raul Hilberg den Entschluss zum Holocaust als prozesshaften Vorgang einer kumulativen Radikalisierung, der allerdings ohne die Person Hitlers nicht denkbar wäre:
„Hitler war der leitende Architekt der jüdischen Katastrophe. Er war es, der die fließenden Ideen von 1940 in die harte Realität von 1941 transformierte. Hitler machte diesen letzten Schritt zum unerbittlichen Resultat aller antijüdischen Maßnahmen [...] und er schmiedete den dezentralen Verwaltungsapparat Deutschlands um in ein Netz von Organisationen, die reibungslos zusammenwirkten, so dass die Erschießungen, Deportationen und Vergasungen nebeneinander und gleichzeitig durchgeführt werden konnten.“
Hilberg vertrat die Meinung, dass es den Tätern durch die strikte Arbeitsteilung bei der „Endlösung“ ermöglicht worden sei, sich als „kleines Rädchen im Getriebe“ zu empfinden und sich selbst von einer persönlichen Verantwortung freizusprechen.Diese Deutung ist teilweise umstritten, der Kritik nach lässt sie außer Acht, dass ein gewichtiger Anteil als Augenzeuge oder Täter unmittelbar am Tötungsprozess beteiligt war.

Raul Hilberg: Unerbetene Erinnerung. Der Weg eines Holocaust-Forschers. S. Fischer, Frankfurt a.M. 1995, ISBN 3-10-033621-6
Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. Durchgesehene und erweiterte Taschenbuchausgabe in drei Bänden, S. Fischer, Frankfurt a.M. 1990, ISBN 3-596-24417-X (deutsche Erstausgabe: Herausgegeben von Ulf Wolter, aus dem Englischen von Christian Seeger u.a., Olle & Wolter, Berlin 1982, ISBN 3-88395-431-4; Lizenzausgabe: Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/M, Olten, Wien 1982/83, ISBN 3-7632-2763-6; engl. 1961)
Raul Hilberg: Täter, Opfer, Zuschauer. Die Vernichtung der Juden 1933-1945. fi-Tb 13216, S. Fischer, Frankfurt a.M. 1996, ISBN 3-596-13216-9
Raul Hilberg: Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und Interpretieren. S. Fischer, Frankfurt a.M. 2002, ISBN 3-10-033626-7
Raul Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Frankfurt a.M. 1987
Raul Hilberg (ed.): The Warsaw diary of Adam Czerniaków. Prelude to doom. Stein, Day, New York 1979

http://www.welt.de/print-welt/article581968/Eichmann_war_nicht_banal.html

Gerhard Bronner

Dezember 30, 2007

Gerhard Bronner
Bronner
…wurde am 23.10.1922 in Wien geboren und verstarb am 19.1.2007 in Wien. Er war ein österreichischer Komponist, Schriftsteller, Musiker und Kabarettist.

Leben:
Gerhard Bronner wuchs in der Favoritener Senefeldergasse in bescheidenen Verhältnissen als dritter Sohn des jüdisch-proletarischen Ehepaars Jakob und Rosa Bronner auf. Seiner eigenen Aussage zufolge lernte er erst in der Mittelschule hochdeutsch zu sprechen, zuvor hatte er nur den Favoritner Dialekt beherrscht. Er bekannte sich stets zur jüdischen Kultur, lebte aber nicht religiös. 1938 verlor er nach dem Anschluss Österreichs seine Stelle als Lehrling eines Schaufensterdekorateurs. Außerdem wurden sein Vater und sein Bruder im KZ Dachau interniert. Für diese Haft musste die Familie auch noch eine monatliche Gebühr von 10 Reichsmark aufbringen. Angesichts seiner finanziell und existentiell aussichtslosen Lage verließ Gerhard Bronner im Mai 1938 als Fünfzehnjähriger allein Österreich und ging über die grüne Grenze in die Tschechoslowakei. Im selben Jahr starb sein Bruder Oskar im Konzentrationslager Dachau. Der Vater war im Sommer wieder aus dem KZ entlassen worden.
Gerhard Bronner lebte zunächst in Brünn und reiste später von Konstanza auf einem Schiff nach Palästina. Einer seiner damaligen Freunde, der Gerhard Bronner auch einige Male weiterhalf, war Erich Lessing. Bronner verdiente sich dort seinen Lebensunterhalt als Straßensänger, Barpianist und Komponist, schließlich als Leiter des Musikprogramms des Ablegers der BBC in Palästina. Als die Engländer dort 1948 abzogen, bekam er die Einladung, in der Zentrale in London weiter für den Sender zu arbeiten. Auf dem Wege dorthin besuchte er kurz Wien (auf Betreiben seiner damaligen Gattin); er wollte nicht in dieser Stadt, die er nicht mehr als seine Heimat betrachtete, bleiben. Es fanden sich aber nach kurzer Zeit viele Aufgaben, vom Barpianisten bis zum Musikredakteur im Rundfunk, so dass die Weiterreise nach London aufgeschoben und schließlich abgesagt wurde. Er begann beim Sender „Rot-Weiß-Rot“. Seit dieser Zeit bestand auch eine Freundschaft mit Hans Weigel, der ihn ebenfalls zum Bleiben in Wien überredete.
Nach seiner Rückkehr nach Wien erfuhr Gerhard Bronner von der Israelitischen Kultusgemeinde auch erstmals vom Schicksal seiner Eltern, zu denen der Briefkontakt während seines Aufenthaltes in Palästina abgerissen war: Sie waren im Oktober 1943 von den Nationalsozialisten nach Minsk deportiert worden.
Am 12. November 1952 hatte die Kabarettrevue „Brettl vor’m Kopf“ Premiere. Die fünfzehn Nummern des Programms stammten aus der Feder von Gerhard Bronner, Michael Kehlmann, Carl Merz und Helmut Qualtinger. Danach wurde zunächst eine Spielpause eingelegt, weil Gerhard Bronner und Michael Kehlmann nach Hamburg gingen, da dort das erste und einzige Fernsehstudio im deutschen Sprachraum war und beide in diesem damals völlig neuen Medium arbeiten wollten. Bronner war bis 1955 musikalischer Leiter der Unterhaltungsabteilung beim NDR, wo er dann auch die hochdeutsche Fassung vom „g’schupften Ferdl“ als „Der blasse Gustav“ herausbrachte, der dann von vielen, heute kaum noch bekannten Gruppen, wie etwa „Die drei Johls“ oder „Die drei Travellers“, nachgespielt wurde.
1955 kehrte Gerhard Bronner nach Wien zurück und pachtete die „Marietta-Bar“, die bald ein beliebter Künstlerteff wurde, und engagierte für diese u.a. Peter Wehle und Georg Kreisler. 1956 pachtete er gemeinsam mit Kreisler das „Intime Theater“ in der Liliengasse. Dort brachte das „namenlose Ensemble“ (neben Gerhard Bronner Merz, Qualtinger, Kehlmann, Kreisler, Wehle und Louise Martini u.a.) das Kabarettprogramm „Blattl vor’m Mund“ und weitere heraus. Als ihnen 1958 der Vertrag gekündigt wurde, spielten sie das nächste Programm „Spiegel vor’m Gsicht“ im Fernsehen (ORF). Übertragen wurde zu Anfang aus dem „Bürgertheater“, später aus dem „Stadttheater“ (Etablissement Ronacher).
1959 übernahm Gerhard Bronner das „Neue Theater am Kärntnertor“, wo das Programm „Dachl überm Kopf“ Premiere hatte. Als sich 1961, besonders durch den Weggang von Qualtinger, der von nun an lieber Theater spielen wollte, die Gruppe auflöste, führte Gerhard Bronner das Theater mit Gastspielen und eigenen Programmen bis 1966 fort.
Die „Travnicek-Dialoge“ mit Helmut Qualtinger (Autoren: Merz und Qualtinger) sind nicht nur in die österreichische Kabarettgeschichte eingegangen. Viele Lieder, die Qualtinger zugeschrieben werden, stammen aus Gerhard Bronners Feder.
Er arbeitete aber nicht nur mit bekannten Kabarettisten, sondern entdeckte damals auch junge Talente, denen er Lieder schrieb. So wurde Marianne Mendt mit der Glock’n, die 24 Stundn leit bekannt.
Von 1979 bis 1988 leitete Gerhard Bronner das Kabarett Fledermaus, die frühere Marietta-Bar.
Für den ORF und den früheren Süddeutschen Rundfunk (SDR) moderierte Bronner die Sendung „Schlager für Fortgeschrittene“ und wirkte im Radiokabarett „Der Guglhupf“ mit. Dort wie auch auf der Bühne in der „Fledermaus“ trat Bronner mit Wehle auf. Er wurde auch bekannt als Übersetzer von Ephraim Kishons Satiren (nachdem Friedrich Torberg 1979 verstorben war), schuf 1969 eine Wiener Fassung von „My Fair Lady“ und bearbeitete das Musical „Cabaret“.
Gerhard Bronners ältester Sohn Oscar Bronner ist der Gründer und Herausgeber der Tageszeitung Der Standard. Bronner war drei Mal verheiratet, in zweiter Ehe mit der Schauspielerin Bruni Löbel. Insgesamt hatte Gerhard Bronner vier Kinder: neben Oscar noch Felix (einen Pianisten), David (Popmusik-Produzent), und Tochter Vivien (TV-Producerin und Drehbuchreferentin).
1988 übersiedelte Gerhard Bronner in die USA, wo er sich in Florida niederließ. Dass dieser Schritt mit einer ihm in Österreich drohenden Steuerstrafe zu tun gehabt haben soll, wurde von Bronner selbst bestritten; er begründete die Entscheidung vielmehr mit seiner Ablehnung des damaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim. Eine erfolgreiche Spendenaktion unter Freunden und Bewunderern ermöglichte die Begleichung von Bronners Geldstrafe (die Steuerschuld holte sich der Fiskus durch Pfändung). Er kehrte 1993 nach Wien zurück, wo er wieder auftrat. Noch am 31. Dezember 2006 bestritt er einen Auftritt im Wiener Theater Akzent, der aufgezeichnet wurde und nach Gerhard Bronners Tod im ORF unter dem Titel Ein Abend mit Gerhard Bronner ausgestrahlt wurde. Dabei sang Bronner noch einmal seine großen Erfolge, etwa Der g’schupfte Ferdl oder Der Papa wird’s schon richten.
Gerhard Bronner starb am 19. Jänner 2007 84-jährig in einem Wiener Krankenhaus an den Folgen eines Schlaganfalls. Das Begräbnis fand am 26. Jänner auf dem Wiener Zentralfriedhof statt. Nach der Trauerfeier in der Zeremonienhalle der neuen israelitischen Abteilung, bei der unter anderem Bundespräsident Heinz Fischer als Redner auftrat, wurde Gerhard Bronner in der alten israelitischen Abteilung in einem ehrenhalber gewidmeten Grab neben den Literaten Arthur Schnitzler und Friedrich Torberg beigesetzt.

Bekannte Lieder:
„Der g’schupfte Ferdl“, 1952 (auch: hochdeutsch „Der blasse Gustav“, 1953, und englisch „Dirty Ferdy“ – Georg Kreisler, 1958)
„Der Halbwilde“ (auch: „Der Wilde mit seiner Maschin’ “), 1956
„Der Bundesbahnblues“, 1956
„Der Karajanuskopf“, 1956
„Weil mir so fad is’ “, 1957
„Der Jedermann-Kollapso“, 1957
„Die alte Engelmacherin“, 1957
„Der Papa wird’s schon richten“, 1958
„Der Cocktail-Bolero“, 1959
„Die Pizzi K. und die Kato Polka“ (auch: „Die Demelinerinnen“), 1959
„Das Holzhackerlied“, 1959
„Selbst ist das Mannequin“, 1960
„Die Unterentwickelten“, 1960
„Krügel vor’m G’sicht“, 1960
„Meinem Kind“, 1960

Kabarettprogramme:
„Brettl vor’m Kopf“, mit Michael Kehlmann, Carl Merz, Helmut Qualtinger, Susi Nicoletti u.A., 1952, im „Kleinen Theater im Konzerthaus“
„Blattl vor’m Mund“, mit Carl Merz, Helmut Qualtinger, Kurt Jaggberg, Georg Kreisler, Peter Wehle, Louise Martini, Laszlo Gati und Norbert Kamill, 1956, im „Intimen Theater“
„Brettl vor’m Klavier“, mit Peter Wehle, Georg Kreisler und Herbert Prikopa, 1957, im „Intimen Theater“
„Glasl vor’m Aug“, mit Helmut Qualtinger, Peter Wehle, Carl Merz, Louise Martini, Georg Kreisler, Johann Sklenka, Karl Hackenberg und Rosemarie Thon, 1957, im „Intimen Theater“
„Spiegel vor’m Gsicht“, mit Peter Wehle, Helmut Qualtinger, Carl Merz, Louise Martini, Georg Kreisler und Karl Hackenberg, 1958/59 (Fernsehproduktion mit immer neuen, aktuellen Beiträgen, 10 Sendungen)
„Dachl über’m Kopf“, mit Peter Wehle, Helmut Qualtinger, Carl Merz, Georg Kreisler, Louise Martini, Johann Sklenka, Nikolaus Haenel u.A., 1959, im „Neuen Theater am Kärntnertor“
„Hackl vor’m Kreuz“, mit Peter Wehle, Helmut Qualtinger, Carl Merz, Louise Martini, Johann Sklenka, Kurt Sobotka, Eva Pilz, 1959, im „Neuen Theater am Kärntnertor“

Literatur:
Gerhard Bronner: Spiegel vorm Gesicht. Erinnerungen. – München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2004. – ISBN 3-421-05812-1
Gerhard Bronner: Die goldene Zeit des Wiener Cabarets (incl. CD). – St. Andrä-Wördern/Österreich: Hannibal Verlag, 1995 – ISBN 3-85445-115-6
Neuauflage (ohne Fotos und CD) als: Meine Jahre mit Qualtinger. – Wien: Amalthea Verlag, 2003 – ISBN 3-85002-499-7
Gerhard Bronner: Tränen gelacht, Der jüdische Humor – Wien, München: F.A.Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, 1999 – ISBN 3-85002-439-3
Gerhard Bronner: Kein Blattl vor’m Mund. Ein ungeschriebenes Buch, Prolog: Lore Krainer, Epiloge: Fritz Muliar, Peter Orthofer, Erwin Steinhauer u.A. – Wien: Astor Verlag, 1992 – ISBN 3-900277-16-8

http://www.campodecriptana.de/blog/2007/03/14/693.html

http://www.mediathek.at/galerien_1/literatur_1/literatur/Literatur_2/Helmut_Qualtinger_und_Gerhard_Bronner.htm

Benazir Bhutto

Dezember 29, 2007

Benazir Bhutto
Bhutto
…wurde 21.6.1953 in Karatschi, Provinz Sindh geboren und am 27.12.2007 in Rawalpindi, Provinz Punjab ermordet. Sie war eine Politikerin in Pakistan. Sie war von 1988 bis 1990 und von 1993 bis 1996 Premierministerin von Pakistan. Nachdem sie im Oktober 2007 aus ihrem Exil in Dubai zurückgekehrt war, etablierte sie sich als Oppositionsführerin, wurde jedoch zwei Wochen vor der geplanten Parlamentswahl bei einem Attentat getötet.

Leben:

Studium
Benazir Bhutto war die Tochter des ehemaligen Premierministers von Pakistan Zulfikar Ali Bhutto, ihre Mutter war Kurdin aus Esfahan (Iran). Sie studierte an der Harvard University und der University of Oxford. 1971 verließ sie Harvard zeitweise, als Indien Truppen nach Ostpakistan schickte und ihr Vater als Verteidigungsminister von Westpakistan zur UNO in New York zu Verhandlungen reiste. Die noch nicht zwanzigjährige Benazir Bhutto unterstützte damals ihren Vater bei den Vereinten Nationen in New York als Assistentin.

Premierministerin
Nach ihrem Studienabschluss in Oxford kehrte Benazir Bhutto nach Pakistan zurück. Ihr Vater wurde 1977 durch einen Putsch abgesetzt, inhaftiert und 1979 gehängt. Danach stellte man Benazir Bhutto unter Hausarrest. Als ihr 1984 erlaubt wurde auszureisen, zog sie nach Großbritannien und wurde dort im Exil Führerin der Partei ihres Vaters.
Nach dem Tod Zia ul-Haqs 1988 fanden erstmals seit 1977 wieder freie Wahlen statt, aus denen am 16. November 1988 mit Benazir Bhutto zum ersten Mal in der Geschichte eines islamischen Staates eine Frau als Siegerin hervorging. Am 2. Dezember wurde sie als erste Regierungschefin in der islamischen Welt vereidigt.
Bhuttos Regierung wurde 1990 aufgrund von Korruptionsvorwürfen, die sie bestritt, aufgelöst. Die Vorwürfe gegen Bhutto führten niemals zu einer Anklage. Ihr Nachfolger im Amt wurde Nawaz Sharif. 1993 wurde Bhutto wiedergewählt, und drei Jahre später ihre Regierung erneut wegen Korruptionsvorwürfen durch den Präsidenten Farooq Leghari aufgelöst. Das oberste Gericht bestätigte Legharis Parlamentsauflösung. Es konnte nie endgültig geklärt werden, ob die Vorwürfe gegen ihren Mann und sie berechtigt waren. Ein Großteil der Kritik gegen Bhutto kam aus dem Lager der Punjabi-Eliten und reichen Großgrundbesitzer, gegen die Bhutto mit ihren Nationalreformen politische Position bezog. Sie stellte sich dabei vor allem den alten Feudal-Strukturen entgegen, denen sie die Destabilisierung Pakistans vorwarf. Im Oktober 1990 gewann das von der Muslimliga dominierte Parteienbündnis Islamische Demokratische Allianz unter Führung Nawaz Sharifs die Parlamentswahlen in Pakistan gegen die PPP von Benazir Bhutto. Im April 1993 wurde Nawaz Sharif durch Staatspräsident Ishaq Khan entlassen. Nun wurde Benazir Bhutto erneut Ministerpräsidentin. Bei den Parlamentswahlen 1997 nach ihrer Absetzung errang wiederum die Muslimliga unter Nawaz Sharif die absolute Mehrheit.

Exil
Von 1999 bis 2007 lebte sie mit ihrer Familie im Exil in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Sie kehrte zurück nach Pakistan, obwohl ihr mit Anschlägen gedroht wurde.

Versuchtes politisches Comeback
Im Jahr 2002 veranlasste Präsident Pervez Musharraf einen Verfassungszusatz, wonach Premierminister höchstens zwei Amtszeiten amtieren dürfen, der offenbar gezielt auf Benazir Bhutto zugeschnitten worden war.
Bhutto strebte seit 2007 erneut das Amt der Premierministerin an. Im Januar 2008 sollten Parlamentswahlen abgehalten werden. Die wichtigsten Fragen betrafen die Rechtmäßigkeit der Wiederwahl Präsident Musharrafs am 6. Oktober 2007 und die Frage, ob Musharraf, der zugleich Armeechef ist, bei der Präsidentenwahl überhaupt hätte antreten dürfen. Das Terrornetzwerk al-Qaida hatte mit Anschlägen gegen eine mögliche Rückkehr Bhuttos gedroht. Benazir Bhutto kehrte am 18. Oktober 2007 nach acht Jahren Exil wieder in ihre Heimatstadt Karatschi zurück, gegen den Widerstand von Präsident Musharraf.
Die Rückkehr Bhuttos aus dem Exil war stark umjubelt, doch die Feiern wurden durch einen der blutigsten Anschläge in der pakistanischen Geschichte abrupt beendet. Kurz nach Mitternacht des 19. Oktober 2007 explodierten zwei Sprengsätze in unmittelbarer Nähe des Konvois Bhuttos. Ihre Wagenkolonne befand sich zu diesem Zeitpunkt auf halbem Weg vom Flughafen zum Mausoleum von Staatsgründer Jinnah in Karachis Innenstadt. Bei dem Selbstmordanschlag wurden 139 Menschen getötet, Bhutto selbst blieb aber unverletzt. Bhutto machte Anhänger des früheren Militärmachthabers und Präsidenten Mohammed Zia ul-Haq für den Anschlag verantwortlich.
Bhutto und Musharraf verhandelten einen Kompromiss, nachdem Bhutto wieder Premierministerin werden sollte und Musharraf Präsident bleiben konnte. Dafür sollte er seine Doppelrolle als Präsident und Militärchef aufgeben, die Korruptionsvorwürfe gegen Bhutto fallen lassen und die Verfassungsänderung von 2002 zurücknehmen. Sie kritisierte die Tatsache, dass Musharraf am 3. November 2007 den Ausnahmezustand verhängt hatte, als Vertrauensbruch. Versuche Bhuttos, einen gemeinsamen Protest der Oppositionsparteien zu organisieren, wurden mit Hinweis auf ihre vorherigen Verhandlungen mit Musharraf abgelehnt. Nachdem Benazir Bhutto zu Massenprotesten in Rawalpindi aufgerufen hatte, wurde sie am 9. November 2007 vorübergehend unter Hausarrest gestellt.

Attentat
Am 27. Dezember 2007, zwei Wochen vor dem geplanten Termin für die Parlamentswahl am 8. Januar 2008, wurde Bhutto nach einer Wahlkampfveranstaltung in Rawalpindi Opfer eines Attentats.
Laut Angaben des pakistanischen Innenministeriums schoss der Attentäter während des Endes der Wahlkampfveranstaltung zunächst dreimal in die Menge, bevor er sich in die Luft sprengte. Nach Regierungsangaben wurde Bhutto durch die Druckwelle mit dem Kopf gegen einen Hebel des Verdecks geschleudert, nachdem sie zuvor durch das Schiebedach aus dem gepanzerten Fahrzeug hinausschaute. Dabei zog sie sich einen Schädelbruch zu, an dem sie später verstarb. Bhuttos Anhänger hingegen vertreten die These, sie wäre durch einen Schuss in den Kopf getötet worden. Ein Sprecher von Bhuttos Pakistanischer Volkspartei PPP spricht sogar von einem „gezielten Mord durch einen Scharfschützen“.
Die pakistanische Regierung macht den regionalen Extremist Baitullah Mehsud für das Attentat verantwortlich. Al-Qaida weist diese Vorwürfe allerdings zurück und bestreitet eine Verwicklung in den Anschlag. Mehsuds Sprecher vermutet hinter der Tat „eine Verschwörung der Regierung, der Armee und der Geheimdienste“. Auch Bhuttos Partei zweifelt an den Angaben der Regierung: „Die Geschichte sei fingiert und die Regierung wolle damit abzulenken versuchen.“ Ein eindeutiges Bekennerschreiben oder eine unabhängige Bestätigung der Täterschaft existieren noch nicht. Eine internationale Untersuchung wird unter anderem von US-Politikern gefordert.
Es wird befürchtet, dass sich die Ermordung Bhuttos destabilisierend auf die ganze Region auswirken könnte, bereits am Tag des Anschlags gab es in mehreren Städten Pakistans Unruhen. Bei ihrem Begräbnis am 28. Dezember 2007 nahmen hunderttausende Trauernde teil.

Familie
1987 heiratete Bhutto den Politiker Asif Ali Zardari. Aus der Beziehung gingen drei Kinder hervor: Bilawal, Bakhtawar und Asifa.

Auszeichnungen
2005: Women’s World Award – World Tolerance Award