Im Zimmer, Gert Jonke

Februar 1, 2009

Oft gehe ich stundenlang pausenlos in meinem Zimmer auf und ab, ohne zu wissen, warum ich stundenlang pausenlos in meinem Zimmer auf und ab gehe. Und während ich wieder stundenlang pausenlos in diesem meinem Zimmer auf und ab gehe, ohne zu wissen, warum ich stundenlang pausenlos in meinem Zimmer auf und ab gehe, erkenne ich plötzlich, daß mein ganzes Dasein nie etwas anderes gewesen ist als ein einziges stundenlanges pausenloses Aufundabgehen in diesem meinem Zimmer.

Gert Jonke, in: Beginn einer Verzweiflung, 1970

Gert Jonke

Januar 8, 2009

Gert Friedrich Jonke wurde am 8.2.1946 in Klagenfurt geboren und verstarb am  4.1.2009 in Wien. Er war ein österreichischer Lyriker, Dramatiker, Erzähler und Hörspielautor.

Gert Jonke besuchte das humanistische Gymnasium und das Kärntner Landeskonservatorium in seiner Heimatstadt Klagenfurt. Nach Ableistung des Wehrdienstes studierte er ab 1966 Geschichte, Philosophie, Musikwissenschaft und Germanistik an der Universität Wien und besuchte die Akademie für Film und Fernsehen. 1970 war er Mitarbeiter in der Hörspielabteilung desSüddeutschen Rundfunks. 1971 ging er mit einem Stipendium nach West-Berlin, wo er fünf Jahre blieb. Es folgten ein einjähriger Aufenthalt in London und ausgedehnte Reisen in den Mittleren Osten und nach Südamerika. Seit 1978 hielt sich Jonke wieder in Österreich auf, er hatte seinen Wohnsitz in Wien, wo er als freier Schriftsteller tätig war. 1977 erhielt er den Ingeborg-Bachmann-Literaturpreis, 1987 den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur. Jonkes Stil war – ausgehend von der Sprachskepsis experimenteller Literatur – beeinflusst von Techniken und Schreibweisen konkreter Poesie und gesellschaftskritisch. In seiner ersten Publikation, dem Geometrischen Heimatroman (1969) verband er immanente Sprachkritik und inhaltsorientiertes Schreiben, um zu einer adäquaten Analyse gesamtgesellschaftlicher Zusammenhänge zu gelangen. Die Erzählung Schule der Geläufigkeit (1977) ist im Rahmen des ästhetischen Prinzips stärker inhaltlich ausgerichtet, geht über die Sprachkritik hinaus auch von realen Geschehnissen aus. Jonke griff hier die Idee der Zusammenfügung von Erinnerung und Gegenwart auf: Ein Sommerfest soll identisch mit dem des Vorjahres inszeniert und dadurch die Zeit aufgehoben werden. Die Beziehung zwischen Fiktion und Wirklichkeit wird zum eigentlichen Thema der Erzählung, die immer wieder durch eingeschobene Geschichten unterbrochen wird. Jonke war an der Vienna Poetry Academy- Schule für Dichtung als Lehrer tätig und Mitglied verschiedener Interessenverbände, beispielsweise der Grazer Autorenversammlung und der Interessengemeinschaft Österreichischer Autorinnen und Autoren. Sein Werk umfasste Erzählungen, Romane, Essays, Theaterstücke, Drehbücher und Hörspiele. Seit dem Sommer 2008 soll Jonke von seiner schweren Krebserkrankung gewusst haben, dennoch nahm er bis zu seinem Tod Termine wahr. Er erlag am 4. Jänner 2009 im Alter von 62 Jahren seiner Erkrankung.

http://www.deutsch.tsn.at/docs/standard/jonke.html

…Einst in dunkler Mittnachtstunde,
als ich in entschwundner Kunde wunderlicher Bücher forschte,
bis mein Geist die Kraft verlor und mir’s trübe ward im Kopfe,
kam mir’s plötzlich vor, als klopfe jemand zag ans Tor, als klopfe –
klopfe jemand sacht ans Tor. Irgendein Besucher, dacht ich,
pocht zur Nachtzeit noch ans Tor – weiter nichts. – So kam mir’s vor.

Oh, ich weiß, es war in grimmer Winternacht,
gespenstischen Schimmer jagte jedes Scheit durchs Zimmer, eh es kalt zu Asche fror.
Tief ersehnte ich den Morgen, denn umsonst war’s, Trost zu borgen
aus den Büchern für das Sorgen um die einzige Lenor, um die wunderbar Geliebte –
Engel nannten sie Lenor –, die für immer ich verlor.

Die Gardinen rauschten traurig, und ihr Rascheln klang so schaurig,
füllte mich mit Schreck und Grausen, wie ich nie erschrak zuvor.
Um zu stillen Herzens Schlagen, sein Erzittern und sein Zagen,
mußt ich murmelnd nochmals sagen: Ein Besucher klopft ans Tor. –
Ein verspäteter Besucher klopft um Einlaß noch ans Tor,
sprach ich meinem Herzen vor.

Alsobald ward meine Seele stark und folgte dem Befehle.
»Herr«, so sprach ich, »oder Dame, ach, verzeihen Sie,
mein Ohr hat Ihr Pochen kaum vernommen, denn ich war schon schlafbenommen,
und Sie sind so sanft gekommen – sanft gekommen an mein Tor;
wußte kaum den Ton zu deuten …« Und ich machte auf das Tor:
Nichts als Dunkel stand davor.

Starr in dieses Dunkel spähend, stand ich lange, nicht verstehend,
träume träumend, die kein irdischer Träumer je gewagt zuvor;
doch es herrschte ungebrochen Schweigen, aus dem Dunkel krochen keine Zeichen,
und gesprochen ward nur zart das Wort »Lenor«, zart von mir gehaucht – wie Echo
flog zurück das Wort »Lenor«. Nichts als dies vernahm mein Ohr.

Wandte mich zurück ins Zimmer, und mein Herz erschrak noch schlimmer,
da ich wieder klopfen hörte, etwas lauter als zuvor. »Sollt ich«, sprach ich,
»mich nicht irren, hörte ich’s am Fenster klirren;
oh, ich werde bald entwirren dieses Rätsels dunklen Flor – Herz, sei still,
ich will entwirren dieses Rätsels dunklen Flor. Tanzt ums Haus der Winde Chor?«

Hastig stieß ich auf die Schalter – flatternd kam herein ein alter, stattlich großer,
schwarzer Rabe, wie aus heiliger Zeit hervor, machte keinerlei Verbeugung,
nicht die kleinste Dankbezeigung, flog mit edelmännischer Neigung
zu dem Pallaskopf empor, grade über meiner Türe auf den Pallaskopf empor –
saß – und still war’s wie zuvor.

Doch das wichtige Gebaren dieses schwarzen Sonderbaren löste meines Geistes Trauer,
und ich schalt ihn mit Humor: »Alter, schäbig und geschoren,
sprich, was hast du hier verloren?
Niemand hat dich herbeschworen aus dem Land der Nacht hervor.
Tu mir kund, wie heißt du, Stolzer aus Plutonischem Land hervor?«
Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«

Daß er sprach so klar verständlich – ich erstaunte drob unendlich,
kam die Antwort mir auch wenig sinnvoll und erklärend vor.
Denn noch nie war dies geschehen: über seiner Türe stehen
hat wohl keiner noch gesehen solchen Vogel je zuvor –
über seiner Stubentüre auf der Büste je zuvor, mit dem Namen »Nie du Tor«.

Doch ich hört in seinem Krächzen seine ganze Seele ächzen, war auch kurz sein Wort,
und brachte er auch nichts als dieses vor. Unbeweglich sah er nieder,
rührte Kopf nicht noch Gefieder, und ich murrte, murmelnd wieder:
»Wie ich Freund und Trost verlor, werd ich morgen ihn verlieren –
wie ich alles schon verlor.« Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«

Seine schroff gesprochnen Laute klangen passend, daß mir graute.
»Aber«, sprach ich, »nein, er plappert nur sein einzig Können vor,
das er seinem Herrn entlauschte, dessen Pfad ein Unstern rauschte,
bis er letzten Mut vertauschte gegen trüber Lieder Chor –
bis er trostlos trauerklagte in verstörter Lieder Chor mit dem Kehrreim: ›Nie du Tor.‹«

Da der Rabe das bedrückte Herz zu Lächeln mir berückte,
rollte ich den Polsterstuhl zu Büste, Tür und Vogel vor, sank in Samtsitz,
nachzusinnen, Traum mit Träumen zu verspinnen über solchen Tiers Beginnen:
was es wohl gewollt zuvor – was der alte ungestalte Vogel wohl gewollt zuvor
mit dem Krächzen: »Nie du Tor.«

Saß, der Seele Brand beschwichtend, keine Silbe an ihn richtend,
seine Feueraugen wühlten mir das Innerste empor. Saß und kam zu keinem Wissen,
Herz und Hirn schien fortgerissen, lehnte meinen Kopf aufs Kissen lichtbegossen –
das Lenor Pressen sollte – lila Kissen, das nun nimmermehr Lenor Pressen sollte wie zuvor!

Dann durchrann, so schien’s, die schale Luft ein Duft aus Weihrauchschale edler Engel,
deren Schreiten rings vom Teppich klang empor. »Narr!« so schrie ich,
»Gott bescherte dir durch Engel das begehrte Glück Vergessen:
das entbehrte Ruhen, Ruhen vor Lenor! Trink, o trink das Glück: Vergessen
der verlorenen Lenor!« Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«

»Weiser!« rief ich, »sonder Zweifel Weiser! – ob nun Tier, ob Teufel –
ob dich Höllending die Hölle oder Wetter warf hervor,
wer dich nun auch trostlos sandte oder trieb durch leere Lande
hier in dies der Höll verwandte Haus – sag, eh ich dich verlor:
Gibt’s – o gibt’s in Gilead Balsam? – Sag mir’s, eh ich dich verlor!«
Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«

»Weiser!« rief ich, »sonder Zweifel Weiser! – ob nun Tier, ob Teufel –
schwör’s beim Himmel uns zu Häupten – schwör’s beim Gott, den ich erkor –
schwör’s der Seele so voll Grauen: soll dort fern in Edens Gauen
ich ein strahlend Mädchen schauen, die bei Engeln heißt Lenor? –
Sie, die Himmlische, umarmen, die bei Engeln heißt Lenor?«
Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«

»Sei dies Wort dein letztes, Rabe oder Feind! Zurück zum Grabe! Fort!
Zurück in Plutons Nächte!« schrie ich auf und fuhr empor.
»Laß mein Schweigen ungebrochen! Deine Lüge, frech gesprochen,
hat mir weh das Herz durchstochen. – Fort, von deinem Thron hervor!
Heb dein Wort aus meinem Herzen – heb dich fort, vom Thron hervor!«
Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«

Und der Rabe rührt sich nimmer, sitzt noch immer,
sitzt noch immer auf der blassen Pallasbüste, die er sich zum Thron erkor.
Seine Augen träumen trunken wie Dämonen traumversunken;
mir zu Füßen hingesunken droht sein Schatten tot empor.
Hebt aus Schatten meine Seele je sich wieder frei empor? –
Nimmermehr – oh, nie du Tor!

(Edgar Allan Poes Werke. Gesamtausgabe der Dichtungen und Erzählungen,
Band 1: Gedichte, Herausgegeben von Theodor Etzel,
Berlin: Propyläen-Verlag, [1922], S. 116-122.)

José Saramago

November 1, 2008

José Saramago wurde am 16.11.1922 in Azinhaga, Portugal geboren. Er ist ein portugiesischer Romancier, Lyriker, Essayist, Erzähler, Dramatiker und Tagebuchautor. 1998 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Seine Romane spielen in verschiedenen historischen Epochen Portugals, wobei es sich aber nicht um historische Romane im eigentlichen Sinne handelt. Im Mittelpunkt steht meist das Verhalten und Bemühen einzelner Personen oder Gruppen (meist Angehöriger der unteren Schichten), mit einer für sie feindlichen Umwelt bzw. Gesellschaft zurechtzukommen.

1922 wird Saramago in dem kleinen Dorf Azinhaga im Kreis Golegã in der portugiesischen Provinz Ribatejo geboren. Seine Eltern José de Sousa und Maria da Piedade und deren Familien waren Landarbeiterfamilien in den Latifundien der Großgrundbesitzer. 1924, als er drei Jahre alt war, zieht die Familie nach Lissabon, wo der Vater als Polizist arbeitet. Trotz exzellenter Zeugnisse kann Saramagos Familie sich den Besuch eines Gymnasiums für ihn nicht leisten. Als einzige Möglichkeit beibt ihm, auf eine technische Fachschule zu gehen, er wird Mechaniker und arbeitet zwei Jahre in einer KFZ-Werkstatt. Während des Besuches der technischen Fachschule kommt er zum ersten Mal in Kontakt mit der portugiesischen Literatur. In den nächsten Jahren wird Saramago ein eifriger Besucher der öffentlichen Bibliothek Lissabons, seine autodidaktischen Studien ermöglichen es ihm bald, in Verlagen und für Zeitungen zu arbeiten, bevor er 1976 freier Schriftsteller wird. Zum Zeitpunkt seiner Heirat mit Ilda Reis (1944) ist Saramago Angestellter bei der previdência social, der portugiesischen Sozialwohlfahrt. 1947 wird sowohl sein einziges Kind Violante geboren als auch seine erste Novelle unter dem Titel Terra do Pecado veröffentlicht. Er schreibt noch eine weitere (unveröffentlichte) Novelle. Beim Versuch, Weiteres zu schreiben, kommt er zu dem Schluss „… dass ich nicht Lohnendes zu sagen habe“. Bis 1966 veröffentlicht er daraufhin nichts mehr.
1949 wird Saramago aus politischen Gründen entlassen. Ende der 1950er beginnt er, als Produzent für einen Verlag zu arbeiten,  er lernt viele wichtige portugiesische Schriftsteller kennen und befreundet sich mit einigent. Ab 1955 arbeitet er auch als Übersetzer.1966 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband Os Poemas Possíveis, 1970 seinen zweiten Provavelmente Alegria. 1967/1968 arbeitet er zusätzlich als Literaturkritiker; die gesammelten Kritiken werden dann auch 1971 (Deste Mundo e do Outro) und 1973 (A Bagagem do Viajante: crónicas) als Bücher publiziert. Im Jahre 1969 schließt er sich der damals verbotenen Kommunistischen Partei Portugals an, in der er indessen immer eine kritische Haltung einnahm.
Nach der Scheidung von seiner Frau (1970) geht er eine Beziehung mit der portugiesischen Schriftstellerin Isabel da Nóbrega ein, die bis 1986 andauert. Nach der Nelkenrevolution 1974 scheint Portugal eine kurze Zeit zum Kommunismus zu tendieren. Von April bis November 1975 arbeitet Saramago als stellvertretender Leiter der Tageszeitung Diário de Nóticias. Nach einer gescheiterten Rebellion kommunistischer Truppenteile geht das bürgerliche Lager als Sieger aus der Revolution hervor; Saramago verliert seinen Posten; ohne Hoffnung auf eine Anstellung entscheidet er sich, sich ganz der Literatur zu widmen.
1980 hat er seinen nationalen Durchbruch mit dem Roman „Hoffnung im Alentejo“ (port. Levantado do Chão, 1980). Darin beschreibt er die Geschichte der Landarbeiter des Alentejo, ihr entbehrungsreiches und eintöniges Leben, wie sie gegen feudale Herrschaftsstrukturen aufbegehren, die sich über 500 Jahre hinweg kaum verändert haben. Die Besetzungen der Latifundien durch die Landarbeiter nach der Nelkenrevolution bilden den hoffnungsvollen Schlusspunkt der klerikalfaschistischen Diktatur: von nun an besteht die Hoffnung nicht mehr geknechtet, sondern tatsächlich „vom Boden erhoben“ (levantado do chão) zu leben.
1982 erzielt er seinen internationalen Durchbruch mit dem blasphemisch-humoristischen Liebesroman „Das Memorial“ (Memorial do Convento, 1982), der im Portugal des achtzehnten Jahrhunderts spielt und den Bau des Klosters von Mafra aus der Sicht des kleinen Mannes beschreibt. Es ist ein bitter-ironischer, facettenreicher und vieldeutiger Text, der gleichzeitig eine historische, soziale und individuelle Perspektive enthält. Das Buch inspiriert den italienischen Komponisten Azio Corghi zur Oper Blimunda, die 1990 in der Mailänder Scala uraufgeführt wirde. Der große Erfolg dieser beiden Romane bei den Lesern ermöglicht Saramago die finanzielle Unabhängigkeit als Schriftsteller. In der Folge erscheinen verschiedene Gedichte, Novellen, Romane und Dramen. 1986 spricht sich Saramago gegen den Beitritt Spaniens und Portugals zur EU aus. 1988 heiratet Saramago die spanische Journalistin Pilar del Río. 1991 veröffentlicht er das Buch Das Evangelium nach Jesus Christus. Die katholische Kirche erklärt den Roman für blasphemisch. Als der damalige Kulturstaatssekretär der konservativen Regierung, Pedro Santana Lopes, 1992 den Namen Saramagos von der Liste der Kandidaten für den Europäischen Literaturpreis strich und so seinem neuen Roman die Teilnahme verweigert, verlegen Saramago und seine Frau als Protest ihren Wohnsitz auf die kanarische Insel Lanzarote. Saramago kandidiert bei den Europawahlen 2004 für die Kommunistische Partei Portugals, allerdings auf einem aussichtslosen Listenplatz. Saramago erhält viele portugiesische und internationale Literaturpreise, 1995 den Prémio Camões und 1998 den Nobelpreis für Literatur. Er besitzt Ehrendoktortitel der Universitäten von Turin (Italien), Universität Sevilla und Polytechnische Universität Valencia (Spanien), Universität Manchester (Großbritannien) und Universität Coimbra (Portugal).

http://www.nobelpreis.org/Literatur/saramago.htm

Das Glasperlenspiel

Oktober 4, 2008

Das Glasperlenspiel ist ein Roman von Hermann Hesse, der 1931 begonnen und 1943 veröffentlicht wurde und das Streben nach Wahrheit beschreibt.

Der Roman entwirft einen zukünftigen Kulturzustand, in dem nichts Neues, Aufregendes, Abenteuerliches mehr entdeckt und geschaffen, sondern nur noch mit dem Vorhandenen „gespielt“ werden kann. Das Heraufziehen eines solchen Kulturzustands war die Sorge vieler Intellektueller in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Thomas Mann gestaltete sie in seinem Doktor Faustus, der nach seinem eigenen Urteil Parallelität zum Glasperlenspiel aufweist.

Umgangssprachlich wurde Glasperlenspiel von daher zum Ausdruck für ein selbstzweckhaftes, eitles und unkreatives Hantieren mit kulturellen Klischees.

Der reale Hintergrund der großen Dichtung ist die politische Situation Deutschlands seit dem Ersten Weltkrieg und dann vor allem in den Jahren der Gewaltherrschaft Hitlers.

Josef Winkler

Juni 18, 2008

Josef Winkler wurde am 3.3.1953 in Kamering in Kärnten geboren. Er ist ein österreichischer Schriftsteller.

Josef Winkler wuchs in Kärnten auf und lebt zur Zeit in Klagenfurt. Von 1973 bis 1982 arbeitete er in der Verwaltung der Klagenfurter Universität für Bildungswissenschaften; ab 1979 war er freigestellt. Josef Winkler organisierte zu dieser Zeit einen Literarischen Arbeitskreis in Zusammenarbeit mit Alois Brandstetter und gab die Literaturzeitschrift Schreibarbeiten heraus.

Im Jahr 1979 gewann er mit dem Roman Menschenkind den zweiten Preis beim Ingeborg-Bachmann-Preis, der damals Gert Hofmann zugesprochen wurde. Das Buch bildet gemeinsam mit den folgenden Romanen Der Ackermann aus Kärnten und Muttersprache die Trilogie Das wilde Kärnten.

In Josef Winklers Texten spielt die Homosexualität eine bedeutende Rolle – Winkler beschreibt, ausgehend von autobiografischen Erfahrungen, die Schwierigkeiten homosexueller Lebensformen in einer patriarchal und katholisch geprägten Welt. Josef Winkler stellte für sein Werk den Bezugsrahmen zu anderen Schriftstellern her, mit denen ihn das zentrale Thema der Homosexualität verband, darunter etwa Jean Genet und Hans Henny Jahnn, wobei auch der expressionistisch geprägte literarische Ausdruck faszinierte. Zuletzt erschien im Jahr 2007 die Novelle Roppongi. Requiem für einen Vater. Josef Winkler ist Mitglied der Grazer Autorenversammlung und der Interessengemeinschaft österreichischer Autorinnen & Autoren.

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=6730

Winkler werde mit der wichtigsten deutschen Literaturauszeichnung geehrt, weil er «auf die Katastrophen seiner katholischen Dorfkindheit mit Büchern reagiert, deren obsessive Dringlichkeit einzigartig ist», teilte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am Dienstag in Darmstadt mit. Der Büchner-Preis ist mit 40.000 Euro dotiert und wird am 1. November in Darmstadt überreicht.

Annemarie Schwarzenbach wurde am 23.5.1908 in Zürich geboren und verstarb am 15.11.1942 in Sils im Engadin. Sie war eine Schweizer Schriftstellerin und Journalistin.

Annemarie Schwarzenbach stammte aus der reichen Zürcher Industriellenfamilie der Schwarzenbachs und war die Enkelin von General Ulrich Wille. Sie wuchs in der Seegemeinde Horgen auf dem stattlichen Landgut Bocken auf und promovierte mit einer Arbeit zur „Geschichte des Oberengadins im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit“ bereits mit 23 Jahren. Erste journalistische Veröffentlichungen sowie literarische Texte entstehen noch während ihrer Studienzeit. Kurz nach Abschluss ihres Studiums debütierte sie mit dem Roman „Freunde um Bernhard“. Im Jahr 1931 hielt sie sich öfter in Berlin auf, wo sie in engem Kontakt mit Klaus und Erika Mann stand. In diese Zeit fallen auch ihre ersten Erfahrungen mit Morphium. Annemaries Verhältnis zu ihrer Mutter Renéewar sehr gespannt, unter anderem ihrer antifaschistischen Einstellung wegen. Einige Mitglieder der Familie Schwarzenbach/Wille sympathisierten nach 1933 mit der „Schweizer Front“, die eine Annäherung der Schweiz an Nazideutschland befürwortete, während sich in Annemaries Freundeskreis zahlreiche jüdische und politische Emigranten aus Deutschland befanden.

So führte sie nach 1933 selbst teilweise das Leben einer Migrantin und lebte mehrere Jahre in anderen Ländern: 1933 begab sich die Annemarie Schwarzenbach zusammen mit der FotografinMarianne Breslauer auf eine erste journalistische Reise nach Spanien. Im gleichen Jahr führte sie der Weg nach Persien. Nach der Rückkehr in die Schweiz reiste sie 1934 nach Moskau, wo sie gemeinsam mit Klaus Mann am ersten Allunionskongress sowjetischer Schriftsteller teilnahm. 1935 kehrte sie nach Persien zurück und heiratete dort – trotz ihrer lesbischen Orientierung – den französischen Diplomaten Claude Clarac. 1939 hielt sie sich längere Zeit für einen Drogenentzug in Kliniken auf. Während dieser Zeit schrieb sie ihr Buch „Das glückliche Tal“. Gemeinsam mit Ella Maillart reiste sie 1939/1940 nach Afghanistan. Danach zog es sie in die USA, wo sie in New York erneut mit den Geschwistern Mann zusammen traf. Dort lernte sie die Schriftstellerin Carson McCullers kennen, die sich Hals über Kopf in Schwarzenbach verliebte. Diese erwiderte ihre Gefühle nicht, blieb während ihrer Zeit in den USA jedoch mit McCullers befreundet und schrieb mehrere wohlwollende Rezensionen zu McCullers Debutromans The Heart is a Lonely Hunter. Auch in den USA musste Schwarzenbach sich wegen ihrer Morphiumsucht, schweren Depressionen undSuizidversuchen mehrfach in psychiatrische Behandlung begeben. Nach einer Reise nach Belgisch-Kongo kehrte sie 1942 in die Schweiz zurück.

Am 7. September 1942 stürzte sie im Engadin mit ihrem Fahrrad und zog sich eine schwere Kopfverletzung zu, an der sie am 15. November starb.

Der Nachlass von Annemarie Schwarzenbach befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.

http://oe1.orf.at/highlights/119893.html

Gérard de Nerval

Mai 18, 2008

Gérard de Nerval (eigentlich Gérard Labrunie) wurde am 22.5.1808 in Paris geboren und verstarb am 26.1.1855 ebenda. Er war ein französischer Schriftsteller.

Sein Platz in der französischen Literaturgeschichte ist der eines als etwas randständig und schwierig geltenden Vertreters der Romantik, dessen beste Texte heute jedoch frischer wirken als die vieler einst renommierterer Autoren der Zeit. Die für normale Leser quasi unzugängliche, als Kunst am Rande des Wahnsinns erscheinende Aurelia hat viele spätere Autoren fasziniert, z. B. Baudelaire oder die Surrealisten der 1920er Jahre.

Gérard de Nerval (wie er sich ab 1831 nannte) war Sohn eines Mediziners, der kurz nach der Geburt seines Kindes zum Stabsarzt ernannt und zur französischen Rheinarmee nach Deutschland versetzt wurde. Da die junge Mutter ihren Mann an seinen Einsatzorten begleiten wollte, gab sie Gérard zu einer Amme im heimatlichen Valois, starb allerdings schon 1810 im fernen Schlesien. Hiernach kam er zu einem Onkel der Mutter, ebenfalls im Valois. Dort blieb er, bis er 1814, nach dem Ende der napoleonischen Feldzüge, vom endlich heimgekehrten Vater nach Paris geholt wurde. Hier besuchte er das Lycée Charlemagne, wo er den späteren Autor Théophile Gautier als Mitschüler hatte.

Nachdem er schon mit 13 das Versemachen angefangen hatte, wurde er erstmals 1826 und 27 gedruckt, und zwar mit politisch oppositionellen Gedichten im Trend der Napoleon-Nostalgie dieser Jahre, sowie mit einem satirischen Sketch über die „unauffindbaren Mitglieder“ der Académie française. Zur selben Zeit, d.h. 18-19 Jahre alt, verfasste er eine Übertragung von Goethes Faust I, die ihm große Anerkennung verschaffte, als sie 1827 erschien, und die von Hector Berlioz 1829 auszugsweise vertont wurde.

1828 wurde er Victor Hugo vorgestellt und verarbeitete dessen Roman Han d’Islande zu einem Stück, das aber erst nach der Julirevolution 1831 aufgeführt wurde. Am 25. Februar 1830 war er mit dem gesamten Freundeskreis der Romantiker bei dem als programmatisch romantisch intendierten Dramas Hernani von Hugo zugegen, der legendären bataille d’Hernani, einer „Schlacht“ von Applaus und Buh-Rufen während der Aufführung. Im selben Jahr gab er eine vielbeachtete Anthologie selbst übertragener deutscher Gedichte samt einer einleitenden „Studie über die deutschen Dichter“ heraus, womit er seinen Landsleuten zahlreiche deutsche Lyriker bekannt machte und ein wichtiger Vermittler der deutschsprachigen Literatur in Frankreich wurde.

Obwohl Nerval als Journalist und Feuilletonist recht aktiv war, begann er 1832 auf Drängen des Vaters Medizin zu studieren. Als er jedoch 1834 von einem Großvater 30.000 Francs erbte (wovon eine bescheidene Einzelperson 20 Jahre leben konnte), brach er das lustlos betriebene Studium ab und schloss sich der „Bohème“ um Théophile Gautier an, jenem provokativ zigeunerhaften Literaten- und Künstlermilieu am Rand der bourgeoisen Pariser Gesellschaft. Auch unternahm er eine erste längere Reise nach Südfrankreich und Italien.

Im selben Jahr 1834 verliebte er sich in die Schauspielerin Jenny Colon, die ihn zwar nicht erhörte, aber bis 1838 stark beschäftigte und der zu Gefallen er 1835 eine aufwendig gemachte Theaterzeitschrift gründete. Als diese ein Jahr später Pleite ging, war Nerval ruiniert und musste hinfort von seiner Feder leben. Dies gelang ihm aber passabel als Co-Autor von Theaterstücken, z.B. 1837 und 39 mit dem umtriebigen und geschäftstüchtigen Alexandre Dumas, und als Journalist, z. B. mit Literaturkritiken oder Reiseberichten.

1837 unternahm er mit Gautier zum Zweck des Eindrucksammelns eine Reise nach Belgien. 1838 führte ihn eine erste Deutschlandreise bis Frankfurt, 1839/40 eine zweite bis Wien. 1840 publizierte er eine Übertragung des gesamten Faust (I und II) sowie weiterer deutscher Gedichte.

1841 hatte er erstmals Wahnvorstellungen und verbrachte fast das ganze Jahr in Kliniken. 1842 versuchte er mit journalistischen Arbeiten wieder Tritt zu fassen und bereitete eine Orient-Reise vor, die ihm neue Inspirationen bringen sollte. Tatsächlich war er das ganze Jahr 43 unterwegs: Malta, Kairo, Beirut, Rhodos, Smyrna. Berichte über diese Reise erschienen ab 1844 in Zeitschriften, ehe er später eine erste Buchversion daraus machte (Scènes orientales, I: Les Femmes du Caire), die jedoch bei ihrem Erscheinen im Revolutionsjahr 1848 fast unbeachtet blieb.

Auch in den Jahren 1844 bis 1847 war Nerval viel unterwegs (Belgien, Holland, London, Umland von Paris) und verfasste entsprechende Reisereportagen und -impressionen. Zugleich betätigte er sich als Novellist und Lyriker sowie als Übersetzer von Gedichten des in Paris lebenden Heinrich Heine, mit dem er befreundet war (gedruckt 1848).

Obwohl oder vielleicht weil sich sein Gesundheitszustand ab 1850 drastisch verschlechterte und er immer häufiger in Kliniken war, arbeitete er in den Folgejahren, wenn er konnte, wie besessen. So publizierte er 1851 die endgültige Version seiner Orientreise (Voyage en Orient) und brachte im Dezember sein Stück L’Imagier de Haarlem zur Aufführung, das sein Faust hatte werden sollen, aber durchfiel.

Hiernach suchte Nerval ältere und neuere, in der Regel schon in Zeitschriften publizierte Texte zusammen, überarbeitete sie und reihte sie möglichst sinnfällig aneinander, wodurch zwei seltsam heterogen und homogen zugleich wirkende kürzere Sammelbände entstanden, die heute als seine Meisterwerke gelten: Les Illuminés, ou Les Précurseurs du socialisme (1852), ein Ensemble von sechs fiktionalen Porträts etwas exzentrischer historischer männlicher Personen, deren „Sozialismus“ eher Anarchismus ist; und Les filles du feu (1854), eine Sammlung von acht sehr unterschiedlichen, meist erzählenden Texten um weibliche Protagonistinnen, an die Nerval unter dem Kollektivtitel Chimères 12 sehr kunstvolle, ziemlich hermetische Sonette anhängte, darunter das berühmte, wie ein Fazit seiner problematischen Existenz wirkende El Desdichado (=der Unglückselige).

Sein letztes Werk wurde der schwer zu klassifizierende, wohl schon 1841 begonnene mittellange Prosatext Aurelia, der als eine so suggestive wie formvollendete Gratwanderung zwischen Wirklichkeit und Traum, wenn nicht Wahn, erscheint und dessen letzter Teil erst postum herauskam.

1854 führte ihn seine letzte Reise erneut nach Deutschland. Insbesondere Nürnberg, Bamberg, Leipzig und Dresden begeisterten ihn.

Als Nerval sich Ende des Jahres nach einem erneuten Klinikaufenthalt fast mittellos und ohne feste Bleibe mit nur noch tröpfelnden Honoraren durchschlagen musste, beging er Anfang 1855 Selbstmord durch Erhängen.

http://poesie.webnet.fr/auteurs/nerval.html

Anatol

Januar 30, 2008

Anatol ist ein Einakterzyklus in acht Akten von Arthur Schnitzler aus dem Jahre 1893: Die Frage an das Schicksal, Weihnachtseinkäufe, Episode, Denksteine, Abschiedssouper, Agonie, Anatols Hochzeitsmorgen, Anatols Größenwahn.

Anatol sieht nach außen hin wie ein glücklicher Mensch mit vielen Liebschaften aus. Betrachtet man ihn jedoch genauer, so fällt auf, dass er von den Ängsten vor einer Partnerschaft getrieben wird und es nie zu einer richtigen Partnerschaft kommt. Frauenheldentum ist keine positive Eigenschaft, sondern ruft Beziehungsunfähigkeit und Angst vor Untreue hervor. Die männlichen Eitelkeiten werden in diesem Stück immer wieder verletzt und beeinflussen den narzißtischen Anatol in seinem Denken und Handeln. Im ersten Akt will er Cora hypnotisieren, um herauszufinden ob sie ihm gegenüber untreu sei. Er hat jedoch Angst vor der Wahrheit und bricht die Hypnose ab. Anatol verdrängt seine Ängste. Dies ist laut Sigmund Freud einer der Wege ins Unbewusste. Dies führt normalerweise zu Neurosen und Psychosen.

Die Frage an das Schicksal

Anatol diskutiert mit seinem Freund Max über das Problem, dass ein Mann niemals sicher wissen kann, ob eine Frau ihm treu ist oder nicht. Er selbst vertritt die These, dass eine Frau – Liebe hin oder her – schon aus ihrer Natur heraus niemals treu sein könne. Auch seine jetzige Geliebte Cora verdächtigt er der Untreue. Die ständige Ungewissheit, gegen die es seiner Meinung nach kein Mittel gibt, macht ihn nahezu verrückt. Max gibt ihm den Ratschlag, es doch mit der Hypnose zu versuchen. Diese Anregung greift Anatol begeistert auf, bietet sie ihm doch die Gelegenheit, seine Zweifel endgültig auszuräumen. Kaum ist der Entschluss gefasst, kann er auch schon umgesetzt werden: Cora kommt nach Hause und bittet Anatol im Gespräch selbst darum, von ihm hypnotisiert zu werden, eine Bitte, der dieser natürlich gerne nachkommt. Als er sie nun in der Hypnose fragt, ob sie ihn liebe, antwortet sie mit „ja!“. Von diesem Erfolg ermuntert, will Anatol auch die Frage nach der Treue stellen, doch es zeigt sich, dass er die Wahrheit doch fürchtet und die vorher von ihm so verfluchten Zweifel an der Treue Coras ihm doch wünschenswerter als eine eventuell für ihn und seinen Stolz unangenehme Wahrheit sind. Egal in welche Worte sein Freund Max die Frage „Bist du mir treu?“ auch kleidet, Anatol findet gegen jede Formulierung Einwände, zweifelt die Verständlichkeit der Frage, schließlich sogar generell die Möglichkeit ihrer Beantwortung an, nur um sie nicht stellen zu müssen. Als Max ihn schließlich entnervt zur Rede stellt und ihn darauf hinweist, dass all die von Anatol vorgebrachten Einwände unsinnig und konstruiert seien, fasst dieser endlich einen Entschluss: Er will seine Geliebte fragen – aber ohne Max, den er deswegen vor die Tür schickt. Mit Cora alleine wird er von seinen Gefühlen überwältigt und weckt sie auf, ohne die Frage gestellt zu haben. Damit hat Anatol seine Gelegenheit zur „Frage an das Schicksal“ verspielt: Cora stellt klar, dass sie sich nie wieder hypnotisieren lassen wird. 

Episode

Anatol bringt Max einen Karton mit alten Sachen, da er sein Leben neu ordnen will. Jedes enthält ein kleines Gedicht, eine Blume, Locke oder etwas, das ihn an sie erinnert. Max durchsucht ihn und es findet ein Päckchen mit der Aufschrift „Episode“. Dies ist eine Erinnerung an Bianca. Sie küsste seine Hand während er Klavier spielte. Max meint, dass er Bianca viel besser kannte, weil sie nicht verliebt waren sondern nur befreundet. Diese kommt vorbei und sie verwechselt Anatol mit jemand anderem. Darauf läuft Anatol davon. Max klärt Bianca auf, doch Anatol ist schon verschwunden.