Raul Hilberg

Dezember 30, 2007

Raul Hilberg
Hilberg
… wurde am 2.6.1926 in Wien geboren und verstarb am 4.8.2007 in Williston, Vermont, USA. Er war ein US-amerikanischer Historiker österreichischer Herkunft und gilt als einer der bekanntesten und bedeutendsten Holocaust-Forscher. Mit der mehrfach aktualisierten Fassung seiner Dissertation „The Destruction of the European Jews“ („Die Vernichtung der europäischen Juden“) schrieb er das Standardwerk zur Geschichte des Holocausts.

Leben:
Hilberg wanderte 1939 im Alter von 13 Jahren mit seiner Familie über Kuba in die USA aus. In Brooklyn, New York City, besuchte er die Abraham Lincoln High School. Ab 1944 diente er in der amerikanischen Armee. Im Braunen Haus in München als Soldat einquartiert, stieß er kurz nach dem Krieg auf Teile der kaum benutzten Privatbibliothek Adolf Hitlers.
Ab 1948 besuchte er im Brooklyn College die Vorlesungen des Emigranten Hans Rosenberg zur Geschichte des preußischen Beamtentums. Noch im selben Jahr wechselte er an die Columbia University, um bei dem sozialistischen Juristen Franz Neumann studieren zu können. Neumanns Studie über die nationalsozialistische Diktatur, Behemoth, hatte auf Hilberg einen tiefen Eindruck gemacht. Er begann 1948 mit seiner Magisterarbeit und besprach auch schon seine geplante Dissertation The Destruction of European Jewry. 1951 erhielt er eine befristete Stelle im War Documentation Project unter Leitung von Fritz Epstein. Bis zu seiner Promotion musste er Politikwissenschaft an verschiedenen Universitäten unterrichten, nachdem sein Doktorvater und Unterstützer Neumann wegen eines Unfalls 1954 verstarb. 1955 erhielt er eine Professur an der kleinen Universität in Burlington, Vermont, an der er bis zu seiner Emeritierung 1991 lehrte und forschte. Mit dem Tagebuch von Adam Czerniakow, dem Vorsitzenden des Ältestenrats des Warschauer Ghettos, edierte Hilberg 1979 eines der eindrucksvollsten Zeugnisse der Verfolgung. Für Claude Lanzmanns epische «Shoah»-Filmdokumentation las und kommentierte Hilberg Auszüge aus Czerniakows Tagebuch. „Du warst Czerniakow“, bemerkte Lanzmann am Ende der Sequenz. Lanzmann sah in Hilberg einen Wesensverwandten von Czerniakow, dem nüchternen Chronisten des Untergangs.
Am 4. August 2007 starb Raul Hilberg im Alter von 81 Jahren in Williston, Vermont, aufgrund eines erneut auftretenden Lungenkrebsleidens, ohne jemals Raucher gewesen zu sein. In erster Ehe war er mit Christine Hemenway verheiratet. Er hinterlässt zwei Kinder aus dieser Ehe und seine zweite Ehefrau Gwendolyn geb. Montgomery.

Werk:
Für sein Hauptwerk Die Vernichtung der europäischen Juden wertete Hilberg zahllose Quellen aus, um die gesamte Geschichte des Holocausts zu analysieren. Erst nach einer Odyssee von sechs Jahren durch fünf Verlage wurde seine Dissertation von dem kleinen amerikanischen Verlag Quadrangle Books (Chicago) verlegt (engl. The Destruction of the European Jews, 1961). Ein wohlhabender Gönner, Frank Petschek, finanzierte eine Auflage von 5.500 Exemplaren, um diese wenigstens Bibliotheken anbieten zu können. Historiker von Yad Vashem beanstandeten Hilbergs kritische Einschätzung des aktiven und passiven jüdischen Widerstandes. Hans Mommsen führt für diese Abwehr folgenden Grund an: „Zu Beginn der 50er Jahre neigten fast alle Überlebenden, auch die jüdischen Verbände in den USA, sowie die internationale historische Forschung dazu, die Erinnerung an den Holocaust herunterzuspielen, ja zu verdrängen.“ Auch bei Hannah Arendt, die 1959 ein Gutachten zu Hilbergs Dissertation verfasste, stieß seine akribische Untersuchung zunächst auf Ablehnung. Bis heute wurde Hilbergs Hauptwerk nicht in Israel verlegt.
Der deutsche Verlag Droemer Knaur, der bereits 1963 die Rechte an Hilbergs Werk erworben hatte, entschied sich Ende 1965 gegen eine Veröffentlichung des Buchs. Dass das Buch 20 Jahre lang keinen deutschen Verleger fand, wertete der Spiegel als einen „Skandal des deutschen Verlagswesens“.(Quellenangabe erforderlich!) Der Berliner Verlag Olle & Wolter brachte das überarbeitete und ergänzte Buch 1982 heraus; es blieb wenig beachtet. Walter Pehle, Lektor für Zeitgeschichte im S. Fischer Verlag, gelang es 1990 gegen interne Widerstände, Hilbergs Hauptwerk als Taschenbuch aufzulegen. Es erschien mit weiteren Neuauflagen, in die neue Forschungserkenntnisse eingearbeitet wurden. Im Nachruf der Frankfurter Rundschau wurde moniert, dass eine „Publikationsgeschichte von Raul Hilbergs Hauptwerk […] noch nicht geschrieben“ worden sei.
Hilbergs umfassende Darstellung der Shoah gilt weiterhin als Standardwerk zum Thema und wurde vom Autor ständig aktualisiert. Hilberg wies darin auf die vielen mitwirkenden Personen und nationalsozialistischen Organisationen hin, die durch Forderungen und Initiativen zur Entschlussbildung der „Endlösung“ beitrugen. Seine Deutung fasste er 1983 so zusammen:
„Aber was 1941 begann, war kein im Voraus geplanter, von einem Amt zentral organisierter Vernichtungsvorgang. Es gab keine Pläne und kein Budget für diese Vernichtungsmaßnahmen. Sie erfolgten Schritt für Schritt, einer nach dem anderen. Dies geschah daher nicht etwa durch die Ausführung eines Planes, sondern durch ein unglaubliches Zusammentreffen der Absichten, ein übereinstimmendes Gedankenlesen einer weit ausgreifenden Bürokratie.“
Hilberg setzte sich damit von intentionalistischen Historikern wie Eberhard Jäckel, Helmut Krausnick oder Klaus Hildebrand ab, die behaupteten, Hitler habe mit der Endlösung seine lange vorher gefassten Pläne stringent umgesetzt. Ähnlich wie die Funktionalisten unter den Historikern, namentlich Martin Broszat, Hans Mommsen und Christopher Browning, deutete Raul Hilberg den Entschluss zum Holocaust als prozesshaften Vorgang einer kumulativen Radikalisierung, der allerdings ohne die Person Hitlers nicht denkbar wäre:
„Hitler war der leitende Architekt der jüdischen Katastrophe. Er war es, der die fließenden Ideen von 1940 in die harte Realität von 1941 transformierte. Hitler machte diesen letzten Schritt zum unerbittlichen Resultat aller antijüdischen Maßnahmen […] und er schmiedete den dezentralen Verwaltungsapparat Deutschlands um in ein Netz von Organisationen, die reibungslos zusammenwirkten, so dass die Erschießungen, Deportationen und Vergasungen nebeneinander und gleichzeitig durchgeführt werden konnten.“
Hilberg vertrat die Meinung, dass es den Tätern durch die strikte Arbeitsteilung bei der „Endlösung“ ermöglicht worden sei, sich als „kleines Rädchen im Getriebe“ zu empfinden und sich selbst von einer persönlichen Verantwortung freizusprechen.Diese Deutung ist teilweise umstritten, der Kritik nach lässt sie außer Acht, dass ein gewichtiger Anteil als Augenzeuge oder Täter unmittelbar am Tötungsprozess beteiligt war.

Raul Hilberg: Unerbetene Erinnerung. Der Weg eines Holocaust-Forschers. S. Fischer, Frankfurt a.M. 1995, ISBN 3-10-033621-6
Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. Durchgesehene und erweiterte Taschenbuchausgabe in drei Bänden, S. Fischer, Frankfurt a.M. 1990, ISBN 3-596-24417-X (deutsche Erstausgabe: Herausgegeben von Ulf Wolter, aus dem Englischen von Christian Seeger u.a., Olle & Wolter, Berlin 1982, ISBN 3-88395-431-4; Lizenzausgabe: Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/M, Olten, Wien 1982/83, ISBN 3-7632-2763-6; engl. 1961)
Raul Hilberg: Täter, Opfer, Zuschauer. Die Vernichtung der Juden 1933-1945. fi-Tb 13216, S. Fischer, Frankfurt a.M. 1996, ISBN 3-596-13216-9
Raul Hilberg: Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und Interpretieren. S. Fischer, Frankfurt a.M. 2002, ISBN 3-10-033626-7
Raul Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Frankfurt a.M. 1987
Raul Hilberg (ed.): The Warsaw diary of Adam Czerniaków. Prelude to doom. Stein, Day, New York 1979

http://www.welt.de/print-welt/article581968/Eichmann_war_nicht_banal.html

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