Die Heimkehr der Jäger

Januar 1, 2008

Ein Film von Michael Kreihsl, 1999/2000

Vom Fallen aus der Zeit oder: Die trockenen Farben des späten Tizian

In „Heimkehr der Jäger“ erzählt Michael Kreihsl von alter Malerei und modernem Leben, von sich ankündigendem Wahnsinn und dem Rückzug in die Imagination.
In einer Zeit zwischen Herbst und Winter hält sich dieser Film auf, in einer unwirklichen Welt: Den weiten Landschaften von Heimkehr der Herde und Jäger im Schnee, den letzten Bildern aus Pieter Bruegels sechsteiligem Jahreszeiten-Zyklus, verdankt Michael Kreihsls Heimkehr der Jäger Farben und Motive: Ocker und Weiß dominieren den Film, später auch tiefenscharfe Naturszenerien unter dunklen Herbstwolken.
Mit dem Auftragen der Farbe, mit der Grundierung der Leinwand beginnt der Film: ein Kopist an der Arbeit im Haus der hohen Kunst. Ulrich Tukur spielt diesen Mann, diese Chronik einer wachsenden Verstörung, mit großer Konzentration, um Genauigkeit bemüht, nicht ums Spektakel. Dem Spiel Tukurs entspricht der Blick der Inszenierung, die sich lustvoll an Details entzündet, die ein Auge für kleine Absurditäten und alltägliche Gemeinheiten hat.
Die Leute rennen immer nur vorbei an der Kunst, das ärgert den Kopisten, der aufgrund seiner Einsamkeit zunehmend unnachsichtig und widerständig wird: Kreihsls Held sehnt sich nach einer Welt, die nicht in sich zerfällt, nach einem unmontierten Leben. Aber das Kino, die entscheidende Kunstform der Moderne, kann ihm den ersehnten Rahmen auch nicht bieten: Es kennt selbst nur den Zerfall, die Zerkleinerung der Welt-Bilder.

Nicht mehr ganz in Ordnung

In Kreihsls Montage spiegelt sich diese Brüchigkeit, sie rafft und verknappt, setzt Musiksplitter gegen Dialog-Bruchstücke, sie löst die Welt wie zum Beweis noch einmal auf: An den Kanten der elliptischen Erzählung wird hier die Groteske eines entfremdeten Lebens geschärft. Der kulturpessimistische Held ist nicht von Sinnen, aber in Ordnung ist er auch nicht mehr: Er flieht, wie so viele seiner Art, in die Radikalisierung, in die Aufrüstung, die Auflehnung gegen eine flüchtige Welt. Die Orte verschwinden und mit ihnen auch der Mensch.
Seltsames geschieht in der Welt draußen, außerhalb des Kunsthistorischen: Der Kopist läßt das Leben, das er gewohnt ist, aber immer weniger erträgt, hinter sich, um in alten Kostümen, wie bei Bruegel, durchs Land zu ziehen. Er wird dabei nicht froh, dazu weiß er zu genau, daß, was er tut, ohne Folge sein wird. Von der Kunst in den Zeiten des Geldes handelt Heimkehr der Jäger auch: Den Supermarkt tauscht Kreihsl gegen das Museum, spielt ein öffentliches Haus gegen das andere aus. Sogar Kunstwitze fallen ab, ganz ernst ist die Sache noch nicht: Der späte Tizian und seine trockenen Farben, heißt es da, machten den Betrachter durstig. Und Rembrandt blickt verstört, im Selbstporträt, über die Jahrhunderte hinweg, aus dem Bild an der Wand, aus dem Sichtfenster des Kinos: ein Mann out of time; außerhalb der Zeit, genau wie die Figur, die Tukur spielt.
Heimkehr der Jäger bemüht sich nicht um Reinheit: Kreihsl mischt die Stimmungen und Genres, wechselt Ideen, Tonfälle und Erzählmittel, macht keinen Unterschied zwischen elektronischer Musik und Händels Arien, zwischen Literatur, Malerei, Video und Kino.
Am Ende hat sich auch das Filmbild verwandelt: An blauweißen Bruegel-Schneelandschaften zieht die Kamera Oliver Bokelbergs, der als Mitautor dieses Films gesehen werden muß, vorbei. Ob die Resignation, mit der Kreihsl in die Welt schaut, legitim ist; darüber wird man streiten können. Und die Romanze, die der Filmemacher am Rande nach einschiebt, kommt nicht recht an. Aber im Experiment liegt die Courage: Wer nicht versucht, sich von sich selbst zu befreien, wird immer nur mit sich allein sein.

Stefan Grissemann, Presse, 18.11.2000

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