Marianne

Februar 8, 2008

Fliederlos ist dein Haar, dein Antlitz aus Spiegelglas. Von Auge zu Aug zieht die Wolke, wie Sodom nach Babel: wie Blattwerk zerpflückt sie den Turm und tobt um das Schwefelgesträuch. Dann zuckt dir ein Blitz um den Mund – jene Schlucht mit den Resten der Geige. Mit schneeigen Zähnen führt einer den Bogen: O schöner tönte das Schilf! Geliebte, auch du bist das Schilf und wir alle der Regen; ein Wein ohnegleichen dein Leib, und wir bechern zu zehnt; ein Kahn im Getreide dein Herz, wir rudern ihn nachtwärts; ein Krüglein Bläue, so hüpfest du leicht über uns, und wir schlafen… Vorm Zelt zieht die Hundertschaft auf, und wir tragen dich zechend zu Grabe. Nun klingt auf den Fliesen der Welt der harte Taler der Träume. 

Paul Celan, 2003

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