Ein Lied für Argyris. Überlebender des Massakers von Distomo 1944

Februar 29, 2008

Ein Lied für Argyris – ein Film von Stefan Haupt

„…und es scheint auch so etwas wie eine Sperre im emotionalen Bereich zu geben, die es verunmöglicht, sich kritisch mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die Vergangenheit bindet an eine Gemeinschaft. Und diese Zugehörigkeit darf nicht aufs Spiel gesetzt werden. Die Bereitschaft zur Selbstkritik könnte bedeuten, sich aus dieser Gemeinschaft herauszukatapultieren, ausgestossen zu werden. Allein zu sein. Schutzlos. Aus all den unzähligen Schicksalen wählt EIN LIED FÜR ARGYRIS eines exemplarisch aus – und insistiert darauf. Sobald ein Schicksal einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte erhält, wird es fassbar. Der Film ist eine Verneigung vor den Menschen, die solche Erlebnisse in frühester Kindheit gemacht haben, und dennoch überleben, dennoch leben wollen, und sich nicht abschotten und zurückziehen. Diese Suche, diese Sehnsucht liegt dem Film zu Grunde…“

Wir kommen aus einem dunklen Abgrund; wir enden in einen dunklen Abgrund; den hellen Raum zwischen den beiden heissen wir Leben. 

Aus «Askese» von Nikos Kazantzakis

ARGYRIS 

Argyris Sfountouris wird 1940 in Distomo/GR geboren. Drei Schwestern sind vor ihm bereits zur Welt gekommen, nun freuen sich die Eltern über ihren ersten Sohn. Und mit ihnen freut sich der Grossvater, der doch noch einen Enkel bekommt, welcher traditionsgemäß auf seinen Namen getauft wird: Argyris. Im April 1941 marschiert die Deutsche Wehrmacht in Griechenland ein. Als Folge der Besetzung leidet die Bevöllkerung in den Städten schon bald an einer verheerenden Hungersnot. Im bäuerlichen Alltag hingegen, abseits der Städte, lässt sich unter der Besatzung schlecht und recht leben. Doch dann bricht am 10. Juni 1944 das nackte Grauen über das Dorf Distomo herein. Nachdem Soldaten einer deutschen SS-Spezialdivision die Zugänge zur Ortschaft abgeriegelt haben, beginnt, was die Deutschen damals eine ‘Sühnemassnahme’ nannten: Als Rache für den Tod einiger Kameraden in einem Gefecht mit griechischen Partisanen in der Nähe des Nachbardorfes erschiessen die deutschen Soldaten zuerst 12 Bauern und richten dann ein Massaker unter der Dorfbevölkerung an. Sie ermorden über 200 Einwohner, von Säuglingen über Kinder, schwangeren Frauen bis zu den Ältesten des Dorfs. Argyris verliert seine Eltern und weitere 30 Familienangehörige. Das Massaker, das nur vier Tage nach der Invasion der Alliierten in der Normandie (6. Juni 1944) stattfindet, gilt als eines der schlimmsten seiner Art.

1995 reicht Argyris Sfountouris zusammen mit seinen drei Schwestern in Deutschland Klage ein. Parallel wird auch in Griechenland selbst eine Sammelklage von 290 Betroffenen, Angehörigen und Nachfahren aus Distomo eingereicht.Bis heute weisen deutsche Gerichte Sammelklagen von Überlebenden ab. In den folgenden Jahren weisen sowohl das Landesgericht Bonn, das Oberlandesgericht Köln und der Bundesgerichtshof in Karlsruhe die Klage ab, paradoxerweise mit teils sich widersprechenden Begründungen: Individuen könnten gar keine Ansprüche stellen, jedenfalls keine, die sie selber gegen den deutschen Staat richten können. – Doch, Individuen könnten zwar an und für sich Ansprüche im Falle von Kriegsverbrechen geltend machen, aber im vorliegenden Fall gelte das Gesetz von 1944, und da wiederum sei eine solche Klage nicht vorgesehen … Eine Verfassungsbeschwerde geht 2003 beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ein. Im März 2006 der Entscheid: er ist negativ. Im Juni 2006 wird, als allerletztes juristisches Mittel, eine Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg eingereicht. Die Antwort aus Strassburg steht noch aus.  

http://www.fontanafilm.ch/DOKFILME/argyris/pdf/DI-10062005.pdf  

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