Leopold Hilsner

März 28, 2008

 

Genau vor hundert Jahren am Ostersamstag fand man im Wäldchen Brezina in der Nähe von Polna die Leiche von Anezka Hruzova, einer jungen Frau, die vor ihrem Tode brutal vergewaltigt worden war. 
Mehr ist über den Hergang des Verbrechens bis heute nicht bekannt. Doch sorgte dieser Fund für eine ausserordentliche Hetzkampgne der damaligen Presse, in einer Zeit, als in der Österreichisch – Ungarischen Monarchie der klerikale Antisemistismus geradezu aufblühte. Der Obduktionsbericht der Ärzte Michalek und Prokes aus Polna sprach vage von einer riesigen Schnittwunde, die sich über den Vorderteil des Halses zog, von rechts nach links. Aus solchen verschwommen Informationen und Vermutungen entwickelte sich schnell ein perfides Geflecht von raffinierten Gerüchten, die den vermeintlichen Täter des Mordes an der christlichen Jungfrau überführen sollten.
Bevor es überhaupt erst zu dem Prozess in Kutna Hora kam, stand in den Augen nicht nur der Polnaer Bevölkerung der Täter längst fest. Er hiess Leopold Hilsner. Hilsner war ein jüdischer Schustergeselle, er wurde des Ritualmordes an der frommen Anezka bezichtigt, man sprach von Koscherung, dem Durchschneiden der Kehle, um christliches Blut für den Pessach zu erhalten. 
Kehren wir zurück zu Hilsner. Eine zentrale Rolle spielte in dem Schauprozess nicht der Angeklagte Hilsner selbst, sondern der Anwalt der Hinterbliebenen Hruzovas, der antisemitisch gesinnte Jurist und Mitglied der Radikalen Partei, Karel Baxa. Für ihn war der Mord an Hruzova vor allem Mittel zum Zweck, um suggestiv die für Aberglauben empfänglichen, potentiellen Wähler zu gewinnen. Der Fall Hilsner wurde durch zynische Souveniers wie Postkarten regelrecht medialisiert. Bilder von der nackten Anezka, der flankiert von einem Schächter und einem Kultusbeamten der Hebräer durch den Beschaffer des Opfers Leopold Hilsner die Kehle über einem Eimer durchgeschnitten wurde, versandte man aus Polna über die Grenzen der Monarchie hinaus mit Grussworten wie: Liebe Angelina, ich schicke die eine neue Karte, die zum Gedenken an den letzten Mord herausgebracht wurde. Die Erinnerung in dieser Gegend wird nie verschwinden, weil die Menschen hier fest der Überzeugung sind, dass es ein ritueller Mord war. Es küsst Dich , deine…
Im Jahre 1918 wurde Leopold Hilsner begnadigt, ein Jahr später heiratete er in der Wiener Synagoge Theress Rosenfeld und zehn Jahre nach seiner Freilassung starb er als Leopold Hilsner in Wien und wurde auf dem Zentralfriedhof begraben.
Während zum Grab Anezka Hruzovas teilweise noch heute gepilgert wird, ist das Grab von Hilsner, der bis heute nicht rehabilitiert wurde, in einem eher desolaten Zustand.

http://hagalil.com/czech/juedische-geschichte/hilsner/hilsner.htm  

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