Die antisemitische Parteikampagne vom März 1968 in Polen

September 15, 2008

Ihre Wurzeln hatte die Politisierung der europäischen Jugend in der Hippie-Bewegung der USA und den Protesten gegen den Vietnamkrieg. Doch der erste europäische Studentenaufstand fand im März 1968 in Polen statt. 

Er entzündete sich an der Absetzung des Theaterstücks „Die Totenfeier“ von Adam Mickiewicz und mündete in der Forderung nach freier Meinungsäußerung und mehr Demokratie. „Anders als im Westen spielte der Generationenkonflikt 1968 in Polen nur eine untergeordnete Rolle. Schriftsteller und Wissenschaftler schlossen sich aus Zorn über die offizielle Zensur gegenüber Mickiewicz‘ Stück und ihrer nationalen Kultur dem Protest der Jungen an“, analysierte der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der polnischen Zeitung Rzeczpospolita, Jan Skórzynski, in einem Essay für Projekt Syndicate im März 2008.

Der Sündenbock für die Krise in Staat und Partei war schon Monate vor dem „März 1968“ ausgespäht worden: die Überlebenden des Holocaust und ihre Kinder. Die „Zionisten“, so heißt es 1968 in fast allen Medien Polens, seien vom Ausland finanzierte Konterrevolutionäre, die die polnische Jugend den Imperialisten in die Arme treiben wollten. Die polnische Regierung reagierte auf die Proteste mit einer antisemitischen Kampagne, in deren Folge bis zu 15.000 Polen jüdischer Abstammung ausgebürgert oder zur Ausreise gezwungen wurden. 

„Die Reisenden des Zuges ‚Chopin‘ werden daran erinnert, daß sie gültige Fahrkarten und Reisedokumente besitzen müssen“, wiederholt die Ansagerin auf dem ‚Danziger Bahnhof‘ in Warschau monoton. Ab März 1968 stehen hier Sonderzüge nach Wien bereit. Polen bürgert „Systemfeinde“ aus.

Von den Tätern fehlt jede Spur. Niemand bekennt sich schuldig.

http://www.eurozine.com/articles/2008-05-26-smolar-de.html

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