Helene Weiss, 1941 deportiert in das KZ-Lackenbach

Dezember 27, 2008

Aussagen von August und Margarethe Sommer über die Deportation ihrer Ziehtocher Helene Weiss in das KZ-Lackenbach

Die Aussagen wurden am 23. Oktober 1947 von Josef Nischelwitzer im Büro des KZ-Verbandes Klagenfurt protokolliert. Das Protokoll wurde für die Anzeige gegen Kriminalinspektor Karl Malle, der für die Deportation der Kärnter „Zigeuner“ verantwortlich war, verwendet.

Abschrift gemacht von Hans Haider / Original im Besitz des KZ-Verbandes Klagenfurt/Kärnten.

Es erscheint der Angestellte der Bundeseisenbahn August Sommer wohnhaft in Klagenfurt, Priesterhausgasse Nr.1 und erklärt folgendes:

Glaublich im Jahre 1939 nahmen wir (meine Frau und ich) ein Weisenkind zu uns. Dieses Kind, namens Helene Weiss übernahmen wir vom Fürsorgeamt Klagenfurt. Vorher hatte dieses Kind ein gewisser Herr Rath, wohnhaft in Klagenfurt/Schmelzhütte, als Pflegekind auf Kost. Ich wollte dieses Kind dann über das Fürsorgeamt als eigenes Kind annehmen und adoptieren lassen. Das Fürsorgeamt hat jedoch meinen Wunsch abschlägig entschieden, da es den Standpunkt vertrat, dass es bei einer „Halbzigeunerin“, wie es Helene Weiss ist, nicht möglich sei. Die Sachbearbeiterin Frau Dr. Schmidt vom Fürsorgeamt in Klagenfurt gab mir deutlich zu verstehen, dass Helene Weiss sowieso einmal vom Grenzgebiet wegkommen wird.
Helene Weiss ist im Oktober 1928 geboren und war damals erst 11 Jahre alt. Sie besuchte in Klagenfurt die Volks- und später die Hauptschule, und wurde ausschließlich von mir und meiner Frau Margarethe Sommer erzogen. Im Oktober 1941, den genauen Tag hiefür kann ich nicht mehr angeben, erschien in meiner damaligen Wohnung, Sonnwendgasse 21, in den Abendstunden der Kriminalbeamte Fitz von der Kriminalpolizei Klagenfurt und frug mich ob bei mir eine gewisse Helene Weiss wohne. Auf mein Bejahen bemerkte Fitz, dass meine Ziehtochter Helene am nächsten Morgen nicht die Schule besuchen darf, sondern sich zu Hause bereit halten solle. Meine Frau und ich wussten nicht was der Kriminalbeamte Fitz damit bezweckte. Am nächsten Morgen um halb sechs Uhr früh erschien wieder Fitz in unserer Wohnung und sagte folgendes: Machen Sie das Kind sofort reisefertig, es geht mit mir, das heisst es wird ein Auto vorfahren. Er bemerkte auch, dass wir dem Kind ein wenig Wäsche und sonst nichts mitgeben könnten. Er verbot mir ausdrücklichst dem Kinde Esswaren und ein Taschengeld zuzustecken. Auf meine Frage, was er mit dem Kinde wolle und was mit demselben weiter geschehen solle, gab er mir zur Antwort: das geht sie garnichts an, das Kind kommt jetzt fort, sie werden nie mehr von dem Kinde etwas hören. Ich fragte den Kriminalbeamten Fitz, ob ich auf das Kind überhaupt kein Recht mehr habe, worauf er mir zur Antwort gab, sind Sie ruhig, sonst kommen Sie auch mit. In der weiteren Folge liess mich Fitz vor der eigenen Wohnungstüre warten. Ich konnte mit dem Kinde überhaupt nicht mehr sprechen und musste zusehen, wie es in das später kommende Auto geschafft und wegtransportiert wurde. Die Abschiedszene brauche ich wohl nicht im besonderen darzulegen, da sie erklärlicherweise herzzerreissend war. Fitz verhielt sich während seiner ganzen Amtshandlung brutal und zeigte nicht die geringste menschliche Rührung.
Um zirka 9 Uhr vormittag desselben Tages sprach ich bei dem Kriminalbeamten Malle vor, da ich hörte, dass er die Verhaftung meiner Ziehtochter wie vieler anderer Menschen, welche der Abstammung nach Zigeuner waren, veranlasste. Malle erklärte mir bei meiner ersten Vorsprache, er könne mir darüber keine Auskunft erteilen, da er nicht wisse wohin mein Pflegekind gekommen sei. Als ich das dritte mal bei Malle vorsprach, sagte er mir kühl ins Gesicht, dass mein Pflegekind Helene Weiss bereits abtransportiert worden ist. Den Ort des Zieles verschwieg er mir. Den dritten Tag darauf ging ich mit der Familie Peter, welche der Abstammung nach Zigeuner sind, und deren zwei Söhne, (ein Sohn mit Frau und Kinder) ebenfalls verhaftet und abtransportiert wurden, abermals zum Kriminalbeamten Malle. Herr und Frau Peter, welche wegen ihrer Angehörigen zuerst vorsprachen, wurden von Malle auf das schärfste hinausgewiesen. Mir gegenüber bemerkte Malle, dass ich doch sehen müsse dass diese Leute Zigeuner seien und ich solle es nicht nochmals versuchen vorzusprechen, ansonsten ich das nächste mal samt diesen Leuten bei der Tür hinausfliege. Bezüglich meiner Ziehtochter erklärte mir Malle ausdrücklichst, dass es keinen Zweck zu intervenieren hätte, da das Kind nicht mehr zurück käme. Malle bemerkte auch, dass alle Zigeuner im Grenzland Kärnten zusammengefangen und wegkommen würden.
In der Folgezeit musste ich zur Wehrmacht einrücken und kam erst im Oktober 1945 wieder nach Klagenfurt zurück. Am 12. Oktober 45 ging ich zur Kriminalpolizei und wollte Malle über den Verbleib meiner Ziehtochter befragen. Bemerken möchte ich, dass ich empört war, als ich feststellte, dass so ein Faschist und Nazi-Kriegsverbrecher wie Malle es ist, noch im Dienst und nicht schon längst seiner Strafe zugeführt ist.
Malle war über mein Erscheinen erschrocken, und erinnerte sich sofort an meinen Namen. Er begrüßte mich überhöflich und fragte mich nach meinen Wünschen. Ich fragte ihn, ob er mir jetzt Auskunft über den Verbleib meiner Ziehtochter Helene Weiss geben könnte. Malle erklärte mir, dass das Kind nach Lackenbach an der burgenländisch-ungarischen Grenze in ein Lager gekommen sei. Er erklärte mir, dass er nicht selbst daran schuld sei, sondern ein gewisser Herr Bamberg in Berlin. Malle konnte mir im besonderen nicht die geringste Auskunft geben. Malle erzählte mir, dass er auch schon in der Nazizeit immer einen Kärntner Anzug getragen habe und nie etwas mit derartigen Sachen zu tun gehabt habe, sondern vielmehr dieser Bamberg aus Berlin an allem Schuld sei.
Ich bitte um Nachforschungen bezüglich meiner Ziehtochter Helene Weiss, und beantrage über die Landesleitung der KPÖ den Strafantrag gegen Karl Malle und über den Kriminalbeamten Oswald Fitz. Ich bitte den Strafantrag der Staatsanwaltschaft in Klagenfurt zu übermitteln.
Ich hoffe auch, dass Malle und Fitz der gerechten Strafe zugeführt werden. Besonders Malle hat das Schicksal hunderter Antifaschisten in die menschenunwürdigsten Verhältnisse und durch sein brutales verbrecherisches Verhaltenin den Tod getrieben. Bemerken möchte ich noch, dass den Transport, bei welchen meine Ziehtochter dabei war, ein Kriminalbeamter namens Wimmer nach Lackenbach geleitet haben soll. Ich hoffe auch rascheste Erledigung und Benachrichtigung über den Verbleib meiner Ziehtochter. Meine gemachten Angaben kann ich jederzeit vor Gericht wiederholen und beeidigen.

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