Art Brut

Februar 7, 2008

Art Brut oder Outsider Art ist eine Bezeichnung für autodidaktische Kunstwerke, die abseits des etablierten Kunstbetriebs entstanden sind: zumeist von psychisch Kranken, Medien, Gefangenen, Außenseitern oder gesellschaftlich Unangepassten.

Die deutsche Bedeutung von Art brut lautet in etwa „rohe, unverfälschte Kunst“; im französischen Original klingt die Nebenbedeutung „edel herbe Kunst“ mit (vgl. „Champagne brut“). Den Begriff prägte 1945 der französische Maler (und ehemalige Weingroßhändler) Jean Dubuffet. Da Art Brut in engem Zusammenhang zu Dubuffets kunsttheoretischen Anschauungen steht und stilistische Anlehnungen in seinem Werk unübersehbar sind, wird die Bezeichnung oft fälschlicherweise mit seiner eigenen Kunst identifiziert. Wichtiger ist jedoch die Verbindung zu seiner Tätigkeit als Sammler. Dubuffet betrachtete die Prägung Art Brut als sein geistiges Eigentum und behielt sich vor, sie als eine Art Gütesiegel selbstherrlich Künstlern jeweils zu- oder abzusprechen, so etwa im Falle von Gaston Chaissac. Dieser Alleinvertretungsanspruch sowie die Eingrenzung auf seine eigene Sammlung – die Collection de l’art brut – wurden schon früh von André Breton und später Harald Szeemann kritisiert. Die Kustoden der Sammlung in Lausanne, Michel Thévoz und Lucienne Peiry, lassen Art Brut als Stilbegriff weiterhin ausschließlich für diese Werke gelten und stellen ihn damit in Konkurrenz zu anderen Bezeichnungen für marginalisierte künstlerische Ausdrucksformen: „Bildnerei der Geisteskranken“ (Hans Prinzhorn), „Zustandsgebundene Kunst“, „Naive Kunst“; im anglo-amerikanischen Sprachraum ist der Begriff „Outsider Art (en)“ (Roger Cardinal), „Visionary art“, „Self-taught art“ verbreitet, insbesondere nach der umfassenden Wanderausstellung Outsiders, die Cardinal gemeinsam mit dem Künstler und Sammler Victor Musgrave 1979 für das Arts Council of Great Britain organisiert hatte. Trotz ihrer Offenheit und Unschärfe hat sich die Bezeichnung Art Brut international durchgesetzt und wesentlich zur Anerkennung marginalisierter Kunstformen beigetragen. Einher mit diesem kulturellen Anerkennungsprozess ging in den letzten Jahrzehnten die intensive und erfolgreiche Förderung von künstlerischem Arbeiten zu therapeutischen Zwecken – etwa durch den Psychiater Leo Navratil im Künstlerhaus Gugging in Klosterneuburg bei Wien oder durch La Tinaia – Centro di Attività Espressive in Florenz. Mittlerweile spezialisieren sich auf Art Brut ein eigenes Segment des Kunsthandels mit internationalen Messen (der Kunstköln und der New Yorker Outsider Art Fair) (siehe dazu Röske et al. 2006) sowie spezielle Magazine, etwa die englische Zeitschrift Raw Vision. Seit 2000 gibt es den Euward, den Europäischen Kunstpreis Malerei und Graphik von Künstlern mit geistiger Behinderung.

1947 gründete Dubuffet mit einem Kreis von Gleichgesinnten (u. a. dem Surrealisten André Breton) in Paris den Verein Compagnie de l’Art brut, mit dem Ziel, Außenseiterkunst zusammenzutragen, zu dokumentieren und bekanntzumachen. In der Pariser Galerie René Drouin kam es zu Einzelausstellungen mit Werken u. a. von Adolf Wölfli und Aloïse Corbaz; 1949 wurden dort 200 Werke von 63 Urhebern unter dem Titel Art brut préferé aux arts culturels (Vorzüge gegenüber der kulturellen Kunst) präsentiert. Im Katalog definierte er Art Brut als subversive, alternative Kunstform abseits der erstickenden „kulturellen Künste“. In diesem als Manifest konzipierten Text betonte er auch, dass Art Brut jenseits kultureller Normen nicht automatisch identisch mit psychopathologischen Schöpfungen ist: „Wir sind der Ansicht, dass die Wirkung der Kunst in allen Fällen die gleiche ist, und dass es ebensowenig eine Kunst der Geisteskranken gibt wie eine Kunst der Magenkranken oder der Kniekranken.“ 1951 löste Dubuffet den Verein auf und transportierte die Sammlung nach East Hampton in den USA, wo sie der Künstler Alfonso Ossorio betreute; 1962 kehrte sie nach Paris zurück und wurde 1967 im Musée des Arts décoratifs ausgestellt. In den folgenden Jahren stieg die Anzahl der Werke beträchtlich. 1975 schenkte er seine mittlerweile auf 15.000 Objekte angewachsene Sammlung der Stadt Lausanne, wo sie seit 1976 in einem öffentlichen Museum, der Collection de l’art brut, ausgestellt wird. Gründungsdirektor war Michel Thévoz, mittlerweile wird das Museum von Lucienne Peiry geleitet.

http://www.artbrut.ch/ 

 

 

  

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