Dreifach so groß…

März 30, 2008

Dreifach so groß wie sonst an Erdentagen schaut deine Sonne aus der Allmacht her und dreimal kleiner, als er gestern war, kniet heut mein Mut aus seiner Ohnmacht auf. Er will nicht streiten, glost nur vor sich hin. Dreifaltigkeit und Glaube, Hoffnung, Liebe sind hohe Vögel, die vom Gnadenbaum die leeren Hülsen über mich verstreuen. Gib mir ein Drittel nur von einem Korn! Ich will auch das noch mit den armen Seelen und allen Traurigen auf Erden teilen, gib mir die Liebe, Herr, mein täglich Brot. Dreimal so stark wie diese deine Sonne wird dann mein Mut mit meiner Schwermut streiten und wird die Taube der Dreifaltigkeit durch das Gewässer dieser Ohnmacht tragen.

Christine Lavant, aus: Die Bettlerschale 

Jag doch den Stern mir fort, du meines Nachbars Hund, er grinst so ohne Grund! Sag ihm ein Hundewort! Bell ihm was Böses zu, verjag ihn wie ein Wild, ich brauch kein Sternenbild, mein Hundsstern bist jetzt du! Denkst, das genüge nicht für dieses schwarze Herz? Es findet blind den Schmerz und frißt ihn, bis es bricht. Hast du nicht Hunger, Hund? Geht, freßt zu zweit! Der Stern verzog sich weit, jetzt wein ich ohne Grund. 

Christine Lavant 

Wie pünktlich die Verzweiflung ist! Zur selben Stunde Tag für Tag erscheint sie ohne jede List und züchtigt mich mit einem Schlag. Dann stieben Funken um mich her, mein Herz ruft alle Engel an, der Himmel aber ist ein Meer und Jesu treibt in einem Kahn sehr weit am anderen Rand der Welt, dort, wo die Helfer alle sind, und meine letzte Hoffnung bellt am Ufer durch den Gegenwind. Ich spür dann, daß mich niemand hört, und sammle still die Funken ein, mein Herz – das knisternd mich beschwört – wird nach und nach zum Feuerstein.  

Christine Lavant 

Im Lauchbeet hockt die Wurzelfrau, zählt Zwiebelchen und Zehen. Was wird mit mir geschehen? Sie nimmt es so genau. Ich bringe meinen Kopf nicht mehr aus den verhexten Latten. Nun zählt sie schon die Schatten und schielt verdächtig her. He! – sagt sie – da ist noch was frei, mit Erde muß man sparen! – und zerrt mich an den Haaren, ich wage keinen Schrei. So unter Zwiebelchen und Lauch bin ich nun eingegraben, die mich gesättigt haben, vertrösten mich wohl auch. Sie teilen mit mir Tag und Tau und Saft und Kraft der Erde, daß ich ein Rüblein werde im Beet der Wurzelfrau. 

Christine Lavant, aus: Die Bettlerschale, 1956. 

Christine Lavant

Januar 27, 2008

LAVANT

Die Bettlerschale

Januar 27, 2008

Horch! Das ist die leere Bettlerschale, halb aus Lehm noch aber halb schon Stein und sie trommelt dir bei jedem Male Hungerlieder zwischen Brot und Wein. Horch nicht weg und stelle dich nicht taub, deine Zehen zucken längst schon lüstern eigenmächtig tanzt in deinen Nüstern Bettlerhochmut und verschmähter Raub. Brich nur weiter das gelobte Brot! Es ist durch und durch schon angesäuert von dem Salz das meine Augen scheuert und die Schale anzufüllen droht. Wenn die Trommel plötzlich nicht mehr klingt wird kein Mahl auf Erden dir mehr munden, deine Hand wird sich von selber runden und dein Herz wird sich von selber runden in der Hand die dich zum Betteln zwingt.  

Christine Lavant, 1956. 

Christine Lavant

Januar 27, 2008

LAVANT

Christine Habernig, geb. Thonhauser wurde am 4.7.1915 in Groß-Edling bei St. Stefan im Lavanttal geboren und verstarb am 7.6.1973. Sie war eine österreichische Künstlerin und Schriftstellerin.

Sie wurde als neuntes Kind des Bergarbeiters Georg Thonhauser und seiner Frau Anna geboren. Das Neugeborene hatte fünf Wochen Skrofeln auf Brust, Hals und im Gesicht und erblindete beinahe. Mit drei Jahren, 1918, kam eine erste Lungenentzündung hinzu, die später beinahe jedes Jahr wiederkehren sollte. Bei einem Krankenhausaufenthalt 1919 wurde das Kind bereits als nicht mehr lebensfähig angesehen. Dennoch wurde Lavant 1921 in der Volksschule in St. Stefan eingeschult. Bei einem Aufenthalt im Krankenhaus in Klagenfurt, während dessen sich ihr Augenleiden besserte, bekam sie von ihrem behandelnden Arzt Prim. Dr. Purtscher, mit dem sie später eine enge Freundschaft verband, eine Ausgabe von Goethes Werken geschenkt, die sie auf dem 60 km langen Fußmarsch nach Wolfsberg zurück im Rucksack bei sich führte. 1927 verschlechterte sich zu einer Lungentuberkulose nun auch die Skrofulose wieder. Nach einer als risikoreich angesehenen Röntgenbestrahlung verschwanden aber beide Krankheiten erstaunlich rasch, sodass Lavant 1929 die Volksschule beenden kann. Der nun folgende Besuch der Hauptschule musste aber abgebrochen werden, da der Fußweg für das schwächelnde Kind zu lang schien. Das Mädchen beschäftigte sich nun mit kleineren häuslichen Arbeiten, Malen, Schreiben und Lesen, und begann zu stricken – was ihr späterer Broterwerb werden sollte. Eine 1930 übersehene Mittelohrentzündung führte dann zur einseitigen beinahen Ertaubung. 1931 lernte Lavant Frau Lintschnig, eine ihrer dann treuesten Freundinnen, kennen. Es entstanden nun viele Aquarelle, die sie später verschenkte. Zu jener Zeit kamen aber auch die ersten schweren Depressionen auf, die die Heranwachsende letztlich nötigten, bei den Eltern zu bleiben. Aus den produktiveren Phasen erwuchs nun ein erster Roman unbekannten Titels, der an den Leykam-Verlag im Graz gesendet wurde. Trotz positiver erster Reaktion erhielt Lavant 1932 dann eine Absage, was zur Vernichtung von allem bisher Geschriebenen und zum Aufgeben des Schreibens führte. Nach schweren Depressionen befand sie sich 1933 auf eigenen Wunsch der Nervenheilanstalt in Klagenfurt. Ihre Erlebnisse hat sie im Text Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus verarbeitet, der erst posthum veröffentlicht wurde. 1937 lernte Christine Lavant ihren späteren Mann, den Kunstmaler Josef Habernig, kennen. Im selben Jahr starb ihr Vater. 1938 folgte der Tod der Mutter. Lavant musste nun die elterliche Wohnung, in die sie zurückgekehrt war, wieder verlassen. Erneut versuchte sie, sich ihren Unterhalt durch Strickarbeiten zu erwerben, wurde aber auch von ihren Geschwistern finanziell unterstützt. 1939 heiratete sie den um 30 Jahre älteren Josef Habernig. 1945 begann sie erstmals wieder zu schreiben und sendete ihre so entstandenen Gedichte an die Familie Purtscher, die sie an die Dichterin Paula Grogger weitergab. Durch Grogger vermittelt kam es so zu einem Treffen mit dem Verleger Viktor Kubczak. Es sollte aber noch bis 1948 dauern, bis unter dem hier erstmals verwendeten Namen »Christine Lavant« im Brentano Verlag in Stuttgart ein Bürstenabzug der Gedichte Die Nacht an den Tag erscheinen sollte, der aber verlorenging. Der Verleger riet der Dichterin, Prosa zu schreiben. Die Erzählung Das Kind kam diesem Wunsch nach. 1949 erschienen die Erzählung Das Krüglein und der Gedichtband Die unvollendete Liebe, 1950 führte eine Dichterlesung bei den St. Veiter Kulturtagen zu einem großen persönlichen Erfolg der Dichterin. Aus der Begegnung mit dem Maler Werner Berg sollte sich eine jahrelange enge Freundschaft entwickeln. Dann übersiedelte Lavant in das Haus der Lintschnig, wo sie mit Ausnahme einer 1 1/2 jährigen Unterbrechung nun bis zu ihrem Tode wohnen sollte. 1952 erschienen die Erzählungen Baruscha in Graz bei Leykam, 1954 bekam Lavant gemeinsam mit Christine Busta den Georg-Trakl-Preis verliehen. 1956 wurde der Gedichtband Die Bettlerschale bei Otto Müller in Salzburg veröffentlicht. Es folgten der Staatlicher Förderungspreis für Lyrik und der Lyrik-Preis der Neuen deutschen Hefte. Von Brentano wurde die Erzählung Die Rosenkugel herausgegeben. Es folgte 1959 Spindel im Mond (Gedichte) bei Otto Müller, 1960 Sonnenvogel (Gedichte) bei Horst Heiderhoff in Wülfrath und 1961 der Staatliche Förderungspreis für Lyrik. Der Band Wirf ab den Lehm, Gedichte und Erzählungen, den Wieland Schmied bei Stiasny in Graz herausgab, würdigte die Dichterin erstmals mit einer Werk-Auswahl. 1962 folgte Der Pfauenschrei (Gedichte) bei Otto Müller. Dann wurden 13 Gedichte in den Lyrischen Hefte (Nr. 11, hrsg. von Arnfrid Astel, Heidelberg) veröffentlicht. Im Jahr 1963 erlitt Josef Habernig einen Schlaganfall, der auch Lavant zusammenbrechen ließ. Es folgte ein erster Aufenthalt im Krankenhaus. 1964 folgten der Georg-Trakl-Preis und der Anton-Wildgans-Preis. 1966 übersiedelte Lavant nach Klagenfurt. 1967 erschienen Hälfte des Herzens (Gedichte) bei Bläschke in Darmstadt. 1968 kehrte die Dichterin dann nach einem neuerlichem Krankenhausaufenthalt nach St.Stefan zurück. Es folgte 1969 mit Nell die Veröffentlichung früher Erzählungen (hrsg. von Jeannie Ebner) bei Otto Müller. 1970 bekam die Dichterin den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur, musste aber wieder zu einem weiteren Aufenthalt ins Krankenhaus. 1972 wurden die Gedichte BettlerschaleSpindel im MondPfauenschrei, von Grete Lübbe-Grothues für den Deutschen Taschenbuch Verlag in München herausgebracht, während die Dichterin zu einem weiteren Aufenthalt im Krankenhaus gezwungen war. Am 7. Juni 1973 verstarb Christine Lavants im Landeskrankenhaus Wolfsberg nach einem Schlaganfall.