Du, weißt du, wie der Regen weint,  

und wie ich geh‘ erschrocken bleich,  

und nicht weiß, wohin zu flieh’n? 

Wie ich verängstigt nicht mehr weiß: 

Ist es mein Reich, ist es nicht mein Reich,  

gehört die Nacht mir, oder ich, gehör‘ ich ihr,  

und ist mein Mund, so blaß und wirr, 

nicht der, der wirklich weint … ? 

(Diesen Vers schreibt Selma Meerbaum-Eisinger mit 17 Jahren 1941, ein Jahr vor der Deportation ins Lager Cariera de piatra westlich des Bug, ein Jahr vor ihrem Tod)

Joseph Schmidt

Februar 8, 2008

JOSEPH SCHMIDT 

Joseph Schmidt wurde am 4.3.1904 in Dawideny, österreichisches Kronland Bukowina geboren und verstarb am 16.11.1942 im Internierungslager Girenbad oberhalb von Hinwil, Kanton Zürich/Schweiz. Er war ein Tenor.

Der Sohn deutschsprachiger orthodoxer Juden wuchs in Dawideny (am Sereth südwestl. von Czernowitz gelegen) und in Czernowitz auf (seine Heimat Bukowina gehörte zur österreich-ungarischen Monarchie und kam nach dem Ersten Weltkrieg zu Rumänien; 1940 kam ein Teil zur Sowjetunion – die vorerwähnten Orte liegen heute in der Ukraine; das Dorf Dawideny heißt rumänisch Davideni, teilweise wird auch Davidney angegeben). Bereits als Kind sang Joseph Schmidt als Kantor in der Synagoge.
Er studierte ab 1924 an der Königlichen Musikschule Berlin bei Hermann Weißenborn Gesang. Der weltweit erfolgreiche Schmidt nahm zahlreiche Schallplatten auf und sang zwischen 1929 und 1933 am Berliner Rundfunk in 38 Rundfunkopern als Tenor. Mit seinen Rundfunksendungen trug er nicht nur zur Popularität des deutschen Rundfunks bei, sondern wurde selbst ein gefeierter Tenor. Aufgrund seiner geringen Körpergröße von 1,58 m blieb ihm eine Karriere auf der Opernbühne verwehrt. Jedoch konnte er ab Januar 1939 in Brüssel auf der Opernbühne den Rudolf in La Boheme verkörpern, es folgte eine Tournee über Liege, Gent, Antwerpen, Brügge, Courtraus, Ostende und Verviers. Innerhalb eines Jahres durfte er diese Rolle 24 Mal auf der Bühne darstellen.Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten sang er am 20. Februar 1933 zum letzten Mal im deutschen Rundfunk („Der Barbier von Bagdad“). Eine Woche darauf wurde ihm der Zugang zum Funkhaus verwehrt. Nach der Premiere seines Films „Ein Lied geht um die Welt” am 9. Mai 1933 floh er schließlich im Dezember vor den Nazis zunächst nach Wien, gastierte 1934 in Palästina und debütierte am 7. März 1937 als gefeierter Tenor in der New Yorker Carnegie Hall.
1938 führte ihn seine Flucht vom inzwischen annektierten Österreich nach Belgien, im November 1940 nach Frankreich. Hier wurde er als deutscher Jude in Südfrankreich zwangsinterniert. Schmidt gelang im September 1942 nach mehreren missglückten Versuchen die Flucht in die Schweiz. Durch die Flucht geschwächt, brach Schmidt in Zürich auf offener Straße zusammen, wurde erkannt und als illegaler Flüchtling (lt. eines Gesetzes von 1942 galten „Juden in der Schweiz nicht als politische Flüchtlinge“) in das Auffanglager Girenbad „zur Abklärung des Falles“ gebracht. Schon nach kurzer Zeit erkrankte er an einer Halsentzündung und wurde in das Kantonsspital Zürich eingewiesen. Zwar behandelte man dort die Halsbeschwerden, seinem Hinweis auf starke Schmerzen in der Herzgegend wollte man jedoch nicht nachgehen und verweigerte eine weitere Untersuchung. Als offiziell geheilt, wurde Schmidt am 14. November 1942 aus dem Kantonsspital entlassen und musste in das Auffanglager Girenbad zurückkehren. Nur zwei Tage später starb der berühmte Sänger im nahegelegenen Restaurant Waldegg an Herzversagen. Die Lagerärzte konnten wegen mangelnder medizinischer Ausstattung nicht mehr helfen. Eine Gedenktafel ist heute am Restaurant angebracht. Einen Tag nach seinem Tod lag seine Arbeitserlaubnis vor, und er wäre frei gewesen. Joseph Schmidt ist auf dem Israelitischen Friedhof Unterer Friesenberg in Zürich beigesetzt.

Czernowitz

Februar 8, 2008

Czernowitz

Zähle die Mandeln

Februar 8, 2008

Zähle die Mandeln, zähle, was bitter war und dich wachhielt, zähl mich dazu : Ich suchte dein Aug, als du’s aufschlugst und niemand dich ansah, ich spann jenen heimlichen Faden, an dem der Tau, den du dachtest, hinunterglitt zu den Krügen, die ein Spruch, der zu niemandes Herz fand, behütet. Dort erst tratest du ganz in den Namen, der dein ist, schrittest du sicheren Fußes zu dir, schwangen die Hämmer frei im Glockenstuhl deines Schweigens, stieß das Erlauschte zu dir, legte das Tote den Arm auch um dich, und ihr ginget selbdritt durch den Abend. Mache mich bitter. Zähle mich zu den Mandeln.

Paul Celan

Czernowitz

Februar 8, 2008

CZERNOWITZ 

Corona

Februar 8, 2008

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde. Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn: die Zeit kehrt zurück in die Schale. Im Spiegel ist Sonntag, im Traum wird geschlafen, der Mund redet wahr. Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:  wir sehen uns an, wir sagen uns Dunkles, wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis, wir schlafen wie Wein in den Muscheln, wie das Meer im Blutstrahl des Mondes. Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße: es ist Zeit, daß man weiß! Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt, daß der Unrast ein Herz schlägt. Es ist Zeit, daß es Zeit wird. Es ist Zeit. 

Paul Celan, 2003

Czernowitz

Februar 8, 2008

CZERNOWITZ 

Paul Celan

Februar 1, 2008

CELAN

Paul Celan wurde am 23.11.1920 in Czernowitz, damals Rumänien, heute Ukraine geboren und verstarb vermutlich am 20.4.1970 in Paris. Er hat eigentlich Paul Antschel geheißen. Dieser Name wurde später rumänisiert Ancel, woraus das Anagramm Celan entstanden ist. Er war ein deutschsprachiger Lyriker.

Paul Celan wurde in Czernowitz, dem Hauptort der Bukowina in den Nordkarpaten, in einer deutschsprachigen jüdischen Familie geboren. Er war der einzige Sohn von Leo Antschel-Teitler (* 1890 in Schipenitz bei Czernowitz) und dessen Ehefrau Fritzi, geb. Schrager (* 1895 in Sadagora); Die erste Wohnung der Familie befand sich in der Wassilkogasse in Czernowitz.  Celan besuchte zunächst die deutsche, dann die hebräische Grundschule, fünf Jahre das Rumänische Staatsgymnasium und bis zum Abitur im Juni 1938 das Ukrainische Staatsgymnasium. Im selben Jahr begann er ein Medizinstudium in Tours, kehrte jedoch ein Jahr später nach Rumänien zurück, um dort Romanistik zu studieren. 1940 wurde die nördliche Bukowina und somit auch Celans Heimatstadt Czernowitz von der Sowjetunion besetzt. Celan konnte sein Studium zunächst fortsetzen. Als jedoch 1941 rumänische und deutsche Truppen Czernowitz besetzten, wurden die Juden in ein Ghetto gezwungen. Celans Eltern wurden 1942 deportiert. In einem Lager in Transnistrien starb sein Vater an Typhus, seine Mutter wurde erschossen. Von 1942 bis 1943 wurde Celan in verschiedenen rumänischen Arbeitslagern festgehalten und musste Zwangsarbeit im südmoldauischen Straßenbau leisten. Nach der Befreiung (Czernowitz wurde im August 1944 von der Roten Armee eingenommen) kehrte Celan im Dezember 1944 nach Czernowitz zurück und nahm sein Studium wieder auf. 1947 flüchtete er aus seiner diktatorisch (kommunistisch-stalinistisch) beherrschten Heimat über Ungarn nach Wien und zog 1948 nach Paris. Noch im selben Jahr erschien in Wien mit „Der Sand aus den Urnen“ sein erster Gedichtband, der zunächst keine Beachtung fand. Im August 1948 begegnete Celan Ingeborg Bachmann, mit der er eine kurze Liebesbeziehung einging. Im Herbst 1950 versuchten sie erneut zusammenzuleben, der Versuch scheiterte jedoch, weil „wir aus unbekannten, dämonischen Gründen uns gegenseitig die Luft wegnehmen,“ wie Bachmann an Hans Weigel schrieb. In Paris lernte Celan im November 1951 die Künstlerin Gisèle de Lestrange kennen, die er ein Jahr später heiratete und die zeitweise künstlerisch mit ihm zusammenarbeitete (z. B. 1965 Radierungen zum Gedichtzyklus „Atemkristall“). 1952 erschien bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart sein Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“ mit dem viel beachteten Gedicht „Die Todesfuge“, das den Mord an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten thematisiert. 1955 erhielt Celan die Staatsbürgerschaft der Republik Frankreich. 1955 wurde der Sohn Eric Celan (Anagramm zu „écris!“, frz. für „schreib!“) geboren, nachdem Lestrange zwei Jahre zuvor ein Kind verloren hatte. 1960 verstärkten sich die schweren unbegründeten Plagiatsvorwürfe von Claire Goll, der Witwe des jüdischen Dichters Yvan Goll, dem Celan freundschaftlich verbunden gewesen war und für den er Gedichte übersetzt hatte. Diese Plagiatsanschuldigungen (auch bekannt als „Goll-Affäre“) verfolgten Celan bis an sein Lebensende. Celan wurde mehrmals in psychiatrische Kliniken eingewiesen, z. B. vom 28. November 1965 bis 11. Juni 1966, weil er in einem Wahnzustand Lestrange mit einem Messer töten wollte. Im November 1967 entschieden er und seine Frau, getrennt voneinander zu wohnen. Sie blieben aber weiterhin in Verbindung. Die Umstände und das Datum von Celans Tod sind nicht geklärt. Vermutlich am 20. April 1970 suchte er den Freitod in der Seine an der Pont Mirabeau. Celans Leichnam wurde am 1. Mai 1970 bei Courbevoie, zehn Kilometer flussabwärts von Paris, aus der Seine geborgen. Er wurde am 12. Mai 1970 auf dem Friedhof Thiais/Val-de-Marne beigesetzt. An diesem Tag starb Nelly Sachs, mit der er freundschaftlich verbunden war. 

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Die Todesfuge, Paul Celan

Februar 1, 2008

Die Todesfuge

Februar 1, 2008

Schwarze Milch der Frühe, wir trinken sie abends, wir trinken sie mittags und morgens, wir trinken sie nachts, wir trinken und trinken, wir schaufeln ein Grab in den Lüften, da liegt man nicht eng. Ein Mann wohnt im Haus, der spielt mit den Schlangen, der schreibt, der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland, dein goldenes Haar Margarete, er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne, er pfeift seine Rüden herbei, er pfeift seine Juden hervor, läßt schaufeln ein Grab in der Erde, er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz. Schwarze Milch der Frühe, wir trinken dich nachts, wir trinken dich morgens und mittags, wir trinken dich abends, wir trinken und trinken. Ein Mann wohnt im Haus, der spielt mit den Schlangen, der schreibt, der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland, dein goldenes Haar Margarete. Dein aschenes Haar Sulamith, wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng. Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt, er greift nach dem Eisen im Gurt, er schwingts, seine Augen sind blau, stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf. Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts, wir trinken dich mittags und morgens, wir trinken dich abends, wir trinken und trinken, ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete, dein aschenes Haar Sulamith, er spielt mit den Schlangen. Er ruft spielt süßer den Tod, der Tod ist ein Meister aus Deutschland, er ruft streicht dunkler die Geigen, dann steigt ihr als Rauch in die Luft<, dann habt ihr ein Grab in den Wolken, da liegt man nicht eng. Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts, wir trinken dich mittags, der Tod ist ein Meister aus Deutschland, wir trinken dich abends und morgens, wir trinken und trinken, der Tod ist ein Meister aus Deutschland, sein Auge ist blau, er trifft dich mit bleierner Kugel, er trifft dich genau, ein Mann wohnt im Haus, dein goldenes Haar Margarete, er hetzt seine Rüden auf uns, er schenkt uns ein Grab in der Luft, er spielt mit den Schlangen und träumet, der Tod ist ein Meister aus Deutschland, dein goldenes Haar Margarete, dein aschenes Haar Sulamith. 

Paul Celan