Wien ist a schöne schöne Stadt, das weiß alle Welt!
Aber wissen Sie, was mir ganz besonders g’fällt?
Weder der Stephansturm noch der Johann Strauss,
Nicht der Wiener G’spusi, schon gar net die Musi,
nein, was ich am liebsten hab, ich sag’s grad heraus:

Die Messer. Die Messer! Die G’schäfte san ganz voll damit!
In jeder Zahl, aus Edelstahl und aus der Monarchie,
zum Schnitzen, zum Schlitzen. Wohin man schaut auf Schritt und Tritt,
für’n Pudel, für’n Strudel und für die Chirurgie.
Wer Wien liebt, – und das tun doch heut die meisten Leut! –
der denkt bei soviel Messer gleich an diese Möglichkeit:

Wie schön wäre Wien ohne Wiener!
So schön wie a schlafende Frau.
Der Stadtpark wär sicher viel grüner,
und die Donau wär endlich so blau.
Wie schön wäre Wien ohne Wiener,
ein Gewinn für den Fremdenverkehr!
Die Autos ständen stumm, das Riesenrad fallet um,
und die lauschigen Gassen wärn leer,
in Grinzing endlich Ruh – und’s Burgtheater zu!
Es wär herrlich, wie schön Wien dann wär.

Keine Baustelln, keine Schrammeln,
und im Fernsehn kein Programm!
Nur die Vogerln und die Pferdeln
und die Hunderln und die Baüm‘.
Und wer durch dies‘ Paradies muß,
findet später als Legat
statt des Antisemitismus
nur ein Antiquariat.

Weder Krankheit noch Genesung.
Weder Fürsten noch Parlament.
Wär für Wien nicht diese Lösung
das perfekte Happy-End?

Und der Wein wächst ungetrunken,
und die Geigen werd’n geschont.
Und der Mond wirft seine Funken
tief im Prater auf die Unken.
Und die Unken schaun versunken in den Mond.

Wie schön wär mein Wien ohne Wiener.
Wie ein Hauch, der im All balanciert.
Vielleicht gibt’s wo a fesche Angina,
die ein Wohltäter herimportiert.
Wie schön wäre Wien ohne Wiener,
nur einmal möcht ich es so sehn!
Und schreite ich sodann
den Kahlenberg hinan
und bleib oben voll Seligkeit stehn,
und seh dann aus der Fern
mein liebes leeres Wien,
werd‘ ich sagen: Sehn’s, jetzt ist’s da schön!

Georg Kreisler wird am 18.7.1922 in Wien geboren und stirbt nach vielen Stationen in seinem Leben am 22.11.2011 in Salzburg. Er war ein österreichischer Pianist, Komponist, Schriftsteller und  Kabarettist. Die Zeitung „Der Standard“ vom 23.11.2011 schreibt: “ Auf Georg Kreisler passen viele Zuschreibungen, er ist ein Stück Kulturgeschichte!“ Er wird lange verkannt, angefeindet, erst mit dem Alter wird er gewürdigt, einem Umstand dem  er sehr zwiespältig begegnet. Er selber bezeichnet sich als einen Heimatlosen, Ausgestossenen, Ruhelosen und Nomaden. Seine Heimat liegt in der Musik. Seine Tochter, Sandra Kreisler, bezeichnet ihn als ein Genie.

Georg Kreisler wird in Wien als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts geboren. Er lernt sehr früh, dass er Jude ist, er spürt  das Verfolgtsein, da der Antisemitismus in seiner Kindheit und Jugendzeit bereits allgegenwärtig ist. 1938 emigriert er nachdem er von der Schule verwiesen wird als 16-Jähriger zwangsweise mit seinen Eltern nach Los Angeles in die Vereinigten Staaten um den Schreckenstaten des Nationalsozialismus zu entgehen. Er versucht in Hollywood in der Filmbranche Fuß zu fassen, was sich als sehr schwierig erweist, da er in ein eher feindseliges Klima gerät. Einen Höhepunkt anderer Art stellt die Bekanntschaft mit Charlie Chaplin dar, der ein freundlicher und entgegenkommender Mensch ist und unter anderem kaum Klavier spielen kann. Georg Kreisler spielt in einigen Filmen, wo Charlie Chaplin am Klavier zu sehen ist für ihn. Er verdient darüber hinaus mäßig Geld als Nightclubentertainer. Da er seiner Zeit wohl stets voraus ist, bleibt er  und dies fast bis ins hohe Alter verkannt.

1955 zieht er auf mehr Erfolg hoffend wieder nach Wien zurück und wird dort als Kabarettist Mitglied des „Namenlosen Ensembles“ um die jungen Wilden wie Gerhard Bronner, Peter Wehle und Helmut Qualtinger. Sein Lied „Tauben vergiften im Park“ entstammt dieser Zeit. Er bleibt allerdings weiterhin verkannt. Die Rolle Georg Kreislers besteht im Beschreiben von Schurken, Misshandelten, Misshandelnden und insgesamt Misständen. Luise Martini beschreibt ihn in dieser goldenen Zeit des Kabaretts in  einem vom Österreischischen Rundfunks 2007 gestalteten Interviews als „a star is born“ und als Schreiber von brillianten Liedern. Er war für die Garde „der Schurli“. Seine Lieder zeichnen sich durch eine beissende Kritik an Politik und Gesellschaft aus. Seine „heisse Viertelstunde“ im österreichischen Rundfunk, die aktuelle Themen musikalisch aufbereitet kritisch aufzeigt, hebt sich 1968 im konservativen Klima Österreichs ziemlich vom normalen Kabarettprogramm ab. Im Studio sitzt immer ein Aufpasser, berichtet Kreisler, damit er nicht vom bereits lange im Vorfeld dem Rundfunk vorgelegten Manuskript abweicht. Am 12.1.1968 wird aus verschiedenen Gründen die letzte Sendung ausgestrahlt.

Er arbeitet ab 1976 in Folge in Berlin. Er bezieht in seinen Liedern immer deutlicher und kritischer Stellung. In „Wo der Pfeffer wächst“ kritisiert er radikal die deutschen gesellschaftlichen Umstände. In seiner dritten Frau Barbara Peters findet er auch eine Schauspielpartnerin. Allerdings fasst er letztlich auch in der Berliner Kabarettszene aufgrund seiner Bissigkeit nicht wirklich Fuss. 1988 verlasst er Berlin und kehrt nach Österreich zurück, in Folge führen seine Stationen über Basel letztlich ab 2007 wiederum nach Salzburg. Er schreibt dieses Nomadentum seiner Entwurzelung durch den Antisemitismus in seiner Jugendzeit zu. Er nimmt immer wieder Abstand von Orten, wenn er meint es stagniere etwas in seinem Leben. Die österreichische Staatsbürgerschaft erhält er bis zuletzt nicht zurück. Kreisler selbst sieht sich selbst nicht mehr als Österreicher und wirft dem Staat vor, die Staatsbürgerschaft nur jenen wieder verliehen zu haben, die sich nach dem Anschluss arangiert hätten: „Aber auf keinen Fall bin ich Österreicher, denn im Jahre 1945, nach Kriegsende, wurden die Österreicher, die 1938 Deutsche geworden waren, automatisch wieder Österreicher, aber diesmal nur diejenigen, die die Nazizeit mitgemacht hatten. Wer unter Lebensgefahr ins Ausland geflüchtet wurde, also auch ich, bekam seine österreichische Staatsbürgerschaft nicht zurück!“

Georg Kreisler heiratet in seinem Leben drei Mal, die zweite Frau ist Topsy Küppers, die dritte Frau ist Barbara Peters, er hat zwei Söhne und eine Tochter, Sandra Kreisler, die als Chansonnière in Berlin auftritt und lebt.

Die ersten Aufnahmen von 1947 in Amerika geschrieben, bleiben als in Amerika abgelehnt unangetastet bis sie 2005 im Rahmen seiner Biographie „Georg Kreisler gibt es gar nicht“ aufgelegt werden. Aus dieser Zeit stammt das Lied „Please shoot your Husband“. Nach 2001 tritt er nicht mehr mit seinen Liedern auf, sondern schreibt Texte und komponiert. Er hätte sich in seinem Leben sehr gerne an einem Theater als Dramaturg oder Stückeschreiber verwirklicht, was ihm verwehrt bleibt. Im Jahr 2000 wird seine Oper „Der Aufstand der Schmetterlinge“ in den Wiener Sofiensälen uraufgeführt, worin er wiederum satirisch den gängigen Kunstbetrieb aufs Korn nimmt, in dem Künstler nur dann Erfolg haben, wenn sie tot sind. 2002 wurde Kreislers Stück „Adam Schaf hat Angst“ uraufgeführt. Er nutzt seine Zeit zum Schreiben eines Romans und seiner zweiten Oper. Er erhält in den letzten Jahren vor seinem Tod im Ausland und letztlich auch im Inland zahlreiche Auszeichnungen, denen er bis zuletzt zwiespältig gegenüber steht. Zuletzt ehrt ihn die Stadt Bad Homburg 2010 mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis für sein Lebenswerk.In der bissigen Symbiose zwischen Ton und Wort bleibt er genial.

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/schweiz/ein_tieftrauriger_anarchist_1.13394255.html 

http://www.georgkreisler.info/