Im Zimmer, Gert Jonke

Februar 1, 2009

Oft gehe ich stundenlang pausenlos in meinem Zimmer auf und ab, ohne zu wissen, warum ich stundenlang pausenlos in meinem Zimmer auf und ab gehe. Und während ich wieder stundenlang pausenlos in diesem meinem Zimmer auf und ab gehe, ohne zu wissen, warum ich stundenlang pausenlos in meinem Zimmer auf und ab gehe, erkenne ich plötzlich, daß mein ganzes Dasein nie etwas anderes gewesen ist als ein einziges stundenlanges pausenloses Aufundabgehen in diesem meinem Zimmer.

Gert Jonke, in: Beginn einer Verzweiflung, 1970

Gert Jonke

Januar 8, 2009

Gert Friedrich Jonke wurde am 8.2.1946 in Klagenfurt geboren und verstarb am  4.1.2009 in Wien. Er war ein österreichischer Lyriker, Dramatiker, Erzähler und Hörspielautor.

Gert Jonke besuchte das humanistische Gymnasium und das Kärntner Landeskonservatorium in seiner Heimatstadt Klagenfurt. Nach Ableistung des Wehrdienstes studierte er ab 1966 Geschichte, Philosophie, Musikwissenschaft und Germanistik an der Universität Wien und besuchte die Akademie für Film und Fernsehen. 1970 war er Mitarbeiter in der Hörspielabteilung desSüddeutschen Rundfunks. 1971 ging er mit einem Stipendium nach West-Berlin, wo er fünf Jahre blieb. Es folgten ein einjähriger Aufenthalt in London und ausgedehnte Reisen in den Mittleren Osten und nach Südamerika. Seit 1978 hielt sich Jonke wieder in Österreich auf, er hatte seinen Wohnsitz in Wien, wo er als freier Schriftsteller tätig war. 1977 erhielt er den Ingeborg-Bachmann-Literaturpreis, 1987 den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur. Jonkes Stil war – ausgehend von der Sprachskepsis experimenteller Literatur – beeinflusst von Techniken und Schreibweisen konkreter Poesie und gesellschaftskritisch. In seiner ersten Publikation, dem Geometrischen Heimatroman (1969) verband er immanente Sprachkritik und inhaltsorientiertes Schreiben, um zu einer adäquaten Analyse gesamtgesellschaftlicher Zusammenhänge zu gelangen. Die Erzählung Schule der Geläufigkeit (1977) ist im Rahmen des ästhetischen Prinzips stärker inhaltlich ausgerichtet, geht über die Sprachkritik hinaus auch von realen Geschehnissen aus. Jonke griff hier die Idee der Zusammenfügung von Erinnerung und Gegenwart auf: Ein Sommerfest soll identisch mit dem des Vorjahres inszeniert und dadurch die Zeit aufgehoben werden. Die Beziehung zwischen Fiktion und Wirklichkeit wird zum eigentlichen Thema der Erzählung, die immer wieder durch eingeschobene Geschichten unterbrochen wird. Jonke war an der Vienna Poetry Academy- Schule für Dichtung als Lehrer tätig und Mitglied verschiedener Interessenverbände, beispielsweise der Grazer Autorenversammlung und der Interessengemeinschaft Österreichischer Autorinnen und Autoren. Sein Werk umfasste Erzählungen, Romane, Essays, Theaterstücke, Drehbücher und Hörspiele. Seit dem Sommer 2008 soll Jonke von seiner schweren Krebserkrankung gewusst haben, dennoch nahm er bis zu seinem Tod Termine wahr. Er erlag am 4. Jänner 2009 im Alter von 62 Jahren seiner Erkrankung.

http://www.deutsch.tsn.at/docs/standard/jonke.html