Ingeborg Bachmann lernt Paul Celan 1948 in Wien kennen. Beide verbindet von 1967 bis 1984 eine Liebe, deren Dauer lange ein Geheimnis ist. Wer wie Paul Celan in den Abgrund der Geschichte blickt und den Todeslagern, in denen seine Eltern ermordet wurden, nur knapp entgeht, den trennt auch noch von dem ihm Liebsten dieser Abgrund, zumal wenn die Geliebte, wie Ingeborg Bachmann, die Tochter eines Nazis der ersten Stunde ist. Auch sie wird, was Celan immer schon ist, ein Opfer – und sei es auch nur ein Opfer der vielen falschen Männer, die sie sich erwählt.

„Du bist der Lebensgrund, auch deshalb, weil Du die Rechtfertigung meines Sprechens bist und bleibst,“ merkt Paul Celan an, und dennoch bleibt sie für ihn stets die Fremde – und ebenso bleibt er der Fremde für sie.

1951 schreibt Ingeborg Bachmann an Paul Celan: „Weißt Du eigentlich noch, daß wir doch, trotz allem, sehr glücklich miteinander waren, selbst in den schlimmsten Stunden, wenn wir unsere schlimmsten Feinde waren? Warum spürst Du nicht mehr, dass ich noch zu Dir kommen will mit meinem verrückten und wirren und widerspruchsvollen Herzen, das ab und zu noch immer gegen Dich arbeitet? Ich liebe Dich und will Dich nicht lieben, es ist zuviel und zu schwer; aber ich liebe Dich vor allem…“

1952 nachdem Paul Celan Gisèle de Lestrange heiratet schreibt Ingeborg Bachmann: „Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und ich habe verloren… Ich will überhaupt nichts mehr. Fürchte auch nicht, dass ich noch einmal davon zu sprechen beginne – ich meine vom Vergangenen.“

1975 nach einer erneut aufflammenden Episode zwischen ihr und Paul Celan schreibt sie: „Wenn ich an sie und das Kind denken muss – und ich werde immer daran denken müssen – werde ich Dich nicht umarmen können.“ Auch wenn sie im selben Brief den Geliebten fragt: „Sind wir nur die Geträumten?“, vermag sie dann doch nicht auf die Fortführung der sehr realen Liebesbeziehung mit ihm zu verzichten.

In den nächsten vier Jahren lebt Ingeborg Bachmann mit Max Frisch zusammen, obwohl sie sich innerlich nicht von Celan lösen kann. Schon im ersten Brief aus Zürich spricht sie von „Leerlauf, Zweifel, Niedergeschlagenheit“, und fast alle folgenden Briefe betteln Celan nicht nur um ein Wiedersehen an, sondern sind Zeugnisse der „Öde, die sich in mir fortsetzt“, und der Erschöpfung: „Es zerbricht mir alles“.

Im Februar 1960, nachdem der Konflikt zwischen Loyalität und Liebe Ingeborg Bachman zu zerbrechen droht, entscheidet sie sich endgültig gegen die Liebe: „Nach allem, was geschehen ist, glaube ich, daß es für uns kein Weiter mehr gibt. Es ist mir nicht mehr möglich.“ 1961 schreibt sie einen todtraurigen (nie abgeschickten) Abschieds- und Abrechnungsbrief, in dem es heißt: „Ich bin oft sehr bitter, wenn ich an Dich denke, und manchmal verzeihe ich mir nicht, dass ich Dich nicht hasse… “

Am 24. November 1965 begeht Celan einen Tötungsversuch an seiner Frau und wird danach in der Zwangsjacke in die Psychiatrie eingewiesen. Wieder entlassen, versucht er am 30. Januar 1967 erneut, Gisèle und den Sohn Eric zu töten, und wird erneut zwangseingewiesen. Nach dem letzten Zwangsaufenthalt in der Psychiatrie im Winter 1968/69 sucht er am 20. April den Tod in der Seine. 

Ingeborg Bachmann stirbt 47-jährig im Jahr 1973, drei Jahre nach Celans Tod, an den Folgen von Brandverletzungen in Rom. 

Das lange „Liebesmartyrium“ von Ingeborg Bachmann und Paul Celan, das man in den Gedichten von beiden in seinem ganzen „tragischen Glanz“ vor Augen geführt bekommen hat, erscheint ebenso „einzigartig wie verstörend“. In Herzzeit kann aus den Briefen der beiden, ihr Verhältnis rekapituliert werden – das Ringen um literarische Anerkennung und Loyalität, der Kampf gegen Verleumdungen, der Widerstand gegen die eigenen Gefühlen, ihr Unvermögen sich gegenseitig zu helfen. Die Briefe zeigen die Liebe genau so, wie Celan sie in seinem Gedichtband „Fadensonnen“ besungen hatte: „Zwangsjackenschön“. 

http://www.perlentaucher.de/buch/30114.html

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Das Spiel ist aus

August 23, 2008

Mein lieber Bruder, wann bauen wir uns ein Floß 
und fahren den Himmel hinunter? 
Mein lieber Bruder; bald ist die Fracht zu groß 
und wir gehen unter

Mein lieber Bruder; wir zeichnen aufs Papier, 
viele Länder und Schienen. 
Gib acht, vor den schwarzen Linien hier 
fliegst du hoch mit den Minen.

Mein lieber Bruder, dann will ich an den Pfahl 
gebunden sein und schreien. 
Doch du reitest schon aus dem Totental 
und wir fliehen zu zweien.

Wach im Zigeunerlager und wach im Wüstenzelt, 
es rinnt uns der Sand aus den Haaren, 
dein und mein Alter und das Alter der Welt 
mißt man nicht mit den Jahren.

Laß dich von listigen Raben, von klebriger Spinnenhand 
und der Feder im Strauch nicht betrügen, 
iß und trink auch nicht im Schlaraffenland, 
es schäumt Schein in den Pfannen und Krügen.

Nur wer an der goldenen Brücke für die Karfunkelfee 
das Wort noch weiß, hat gewonnen. 
Ich muß dir Sagen, es ist mit dem letzten Schnee 
im Garten zerronnen.

Von vielen, vielen Steinen sind unsre Füße so wund. 
Einer heilt. Mit dem wollen wir springen, 
bis der Kinderkönig, mit dem Schlüssel zu seinem Reich im Mund, 
uns holt, und wir werden Singen:

Es ist eine schöne Zeit, wenn der Dattelkern keimt! 
Jeder, der fällt, hat Flügel. 
Roter Fingerhut ist’s, der den Armen das Leichentuch säumt, 
und dein Herzblatt sinkt auf mein Siegel.

Wir müssen schlafen gehn, Liebster, das Spiel ist aus. 
Auf Zehenspitzen. Die weißen Hemden bauschen. 
Vater und Mutter sagen, es geistert im Haus, 
wenn wir den Atem tauschen.

Ingeborg Bachmann, aus: Anrufung des Grossen Bären, Werke Bd. 1, S. 82-83

Nebelland

Juni 1, 2008

Im Winter ist meine Geliebte 
unter den Tieren des Waldes. 
Daß ich vor Morgen zurück muß, 
weiß die Füchsin und lacht. 
Wie die Wolken erzittern! Und mir 
auf den Schneekragen fällt 
eine Lage von brüchigem Eis. 

Im Winter ist meine Geliebte 
ein Baum unter Bäumen und lädt 
die glückverlassenen Krähen 
ein in ihr schönes Geäst. Sie weiß, 
daß der Wind, wenn es dämmert, 
ihr starres, mit Reif besetztes 
Abendkleid hebt und mich heimjagt. 

Im Winter ist meine Geliebte 
unter den Fischen und stumm. 
Hörig den Wassern, die der Strich 
ihrer Flossen von innen bewegt, 
steh ich am Ufer und seh, 
bis mich Schollen vertreiben, 
wie sie taucht und sich wendet. 

Und wieder vom Jagdruf des Vogels 
getroffen, der seine Schwingen 
über mir steift, stürz ich 
auf offenem Feld: sie entfiedert 
die Hühner und wirft mir ein weißes 
Schlüsselbein zu. Ich nehm’s um den Hals 
und geh fort durch den bitteren Flaum. 

Treulos ist meine Geliebte, 
ich weiß, sie schwebt manchmal 
auf hohen Schuh’n nach der Stadt, 
sie küßt in den Bars mit dem Strohhalm 
die Gläser tief auf den Mund, 
und es kommen ihr Worte für alle. 
Doch diese Sprache verstehe ich nicht. 

Nebelland hab ich gesehen, 
Nebelherz hab ich gegessen.

 

Ingeborg Bachmann (1926-1973)

Eine Art Verlust

Februar 16, 2008

Gemeinsam benutzt: Jahreszeiten, Bücher und eine Musik. Die Schlüssel, die Teeschalen, den Brotkorb, Leintücher und ein Bett. Eine Aussteuer von Worten, von Gesten, mitgebracht, verwendet, verbraucht. Eine Hausordnung beachtet. Gesagt. Getan. Und immer die Hand gereicht. In Winter, in ein Wiener Septett und in Sommer habe ich mich verliebt. In Landkarten, in ein Bergnest, in einen Strand und in ein Bett. Einen Kult getrieben mit Daten, Versprechen für unkündbar erklärt, angehimmelt ein Etwas und fromm gewesen vor einem Nichts, ( – der gefalteten Zeitung, der kalten Asche, dem Zettel mit einer Notiz) furchtlos in der Religion, denn die Kirche war dieses Bett. Aus dem Seeblick hervor ging meine unerschöpfliche Malerei. Von dem Balkon herab waren die Völker, meine Nachbarn, zu grüßen. Am Kaminfeuer, in der Sicherheit, hatte mein Haar seine äußerste Farbe. Das Klingeln an der Tür war der Alarm für meine Freude. Nicht dich habe ich verloren, sondern die Welt.

Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann

Januar 27, 2008

BACHMANN

Großer Bär, komm herab, zottige Nacht; Wolkenpelztier mit den alten Augen, Sternenaugen, durch das Dickicht brechen schimmernd deine Pfoten mit den Krallen, Sternenkrallen, wachsam halten wir die Herden, doch gebannt von dir, und mißtrauen deinen müden Flanken und den scharfen halbentblößten Zähnen, alter Bär. Ein Zapfen: eure Welt. Ihr: die Schuppen dran. Ich reib sie, roll sie von den Tannen im Anfang zu den Tannen am Ende, schnaub sie an, prüf sie im Maul und pack zu mit den Tatzen. Fürchtet euch oder fürchtet euch nicht! Zahlt in den Klingelbeutel und gebt dem blinden Mann ein gutes Wort, daß er den Bären an der Leine hält. Und würzt die Lämmer gut.`S könnt sein, daß dieser Bär sich losreißt, nicht mehr droht und alle Zapfen jagt, die von den Tannen gefallen sind, den großen, geflügelten, die aus dem Paradiese stürzten. 

Ingeborg Bachmann, 1956.

Die gestundete Zeit

Januar 6, 2008

Es kommen härtere Tage. Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont. Bald mußt du den Schuh schnüren und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe. Denn die Eingeweide der Fische sind kalt geworden im Wind. Ärmlich brennt das Licht der Lupinen. Dein Blick spurt im Nebel: die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont. Drüben versinkt die die Geliebte im Sand, er steigt um ihr wehendes Haar, er fällt ihr ins Wort, er befiehlt ihr zu schweigen, er findet sie sterblich und willig dem Abschied nach jeder Umarmung. Sieh dich nicht um. Schnür deinen Schuh. Jag die Hunde zurück. Wirf die Fische ins Meer. Lösch die Lupinen! Es kommen härtere Tage.

Ingeborg Bachmann