Martin Katz wurde 1919 in Wischnitz in Rumänien geboren. Als 8-jähriger Junge kam er mit seinen Eltern nach Wien. 1943 kann er nach seiner Enthaftung durch die Hilfe einer Freundin nach Rumänien fliehen und überlebt dort die Nazizeit. Seine Vater wurde von der Gestapo zu Tode geprügelt, seine Mutter kam in Auschwitz ums Leben. Nach dem Krieg kommt er nach Wien zurück und geht anschließend nach München. Er eröffnet dort das Opernkaffee und das Theater unter den Arkaden und feiert große Erfolge. Er verwirklicht mehr als zahlreiche Projekte in seinem Leben. Er ist zweimal verheiratet, er hat zwei Kinder. Seit 1995 lebt in Wien. In seiner Autobiographie: „Meine neun Leben“ beschreibt er sein bewegtes Leben und den Frieden, den er gefunden hat.
„Vor wenigen Tagen bin ich einundneunzig geworden, und ich denke, dass ich nicht mehr endlos Zeit habe, um der Generation meiner Enkel von dem Wunder zu berichten, das mir widerfahren ist: Ich habe überlebt. Ich wohne wieder in Wien, sieben Gehminuten von der Wohnung, aus der wir delogiert wurden, ehe die Gestapo meinen Vater tot prügelte und meine Mutter nach Auschwitz deportierte, sechs Gehminuten von dem Zimmer, in dem ich selbst mich versteckt habe. Auch in die verbliebenen Kaffeehäuser, in denen ich geschmuggelte Waren an Nazis verkauft oder gegen Essensmarken getauscht habe, um meine versteckte Freundin und ihre Mutter zu ernähren, gehe ich wieder.“

http://www.kremayr-scheriau.at/index.php?p=buecher.php&buch=310&autorb=310

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Vieltausendmal derselbe Blick
Durchs Fenster in mein Weltenstück
Ein Apfelbaum im blassen Grün
Und drüber tausendfaches Blühn,
So an den Himmel angelehnt,
Ein Wolkenband, weit ausgedehnt …
Der Kinder Nachmittagsgeschrei,
Als ob die Welt nur Kindheit sei;
Ein Wagen fährt, ein Alter steht
Und wartet bis sein Tag vergeht,
Leicht aus dem Schornstein auf dem Dach
Schwebt unser Rauch den Wolken nach …
Ein Vogel singt, und zwei und drei,
Der Schmetterling fliegt rasch vorbei,
Die Hühner fressen, Hähne krähn,
Ja lauter fremde Menschen gehn
Im Sonnenschein, jahrein, jahraus
Vorbei an unserem alten Haus.
Die Wäsche flattert auf dem Strick
Und drüber träumt ein Mensch vom Glück,
Im Keller weint ein armer Mann,
Weil er kein Lied mehr singen kann …
So ist es ungefähr bei Tag,
Und jeder neue Glockenschlag
Bringt tausendmal denselben Blick,
Durchs Fenster in mein Weltenstück …

Thomas Bernhards erste literarische Veröffentlichung 1952

Im Zimmer, Gert Jonke

Februar 1, 2009

Oft gehe ich stundenlang pausenlos in meinem Zimmer auf und ab, ohne zu wissen, warum ich stundenlang pausenlos in meinem Zimmer auf und ab gehe. Und während ich wieder stundenlang pausenlos in diesem meinem Zimmer auf und ab gehe, ohne zu wissen, warum ich stundenlang pausenlos in meinem Zimmer auf und ab gehe, erkenne ich plötzlich, daß mein ganzes Dasein nie etwas anderes gewesen ist als ein einziges stundenlanges pausenloses Aufundabgehen in diesem meinem Zimmer.

Gert Jonke, in: Beginn einer Verzweiflung, 1970

Gert Jonke

Januar 8, 2009

Gert Friedrich Jonke wurde am 8.2.1946 in Klagenfurt geboren und verstarb am  4.1.2009 in Wien. Er war ein österreichischer Lyriker, Dramatiker, Erzähler und Hörspielautor.

Gert Jonke besuchte das humanistische Gymnasium und das Kärntner Landeskonservatorium in seiner Heimatstadt Klagenfurt. Nach Ableistung des Wehrdienstes studierte er ab 1966 Geschichte, Philosophie, Musikwissenschaft und Germanistik an der Universität Wien und besuchte die Akademie für Film und Fernsehen. 1970 war er Mitarbeiter in der Hörspielabteilung desSüddeutschen Rundfunks. 1971 ging er mit einem Stipendium nach West-Berlin, wo er fünf Jahre blieb. Es folgten ein einjähriger Aufenthalt in London und ausgedehnte Reisen in den Mittleren Osten und nach Südamerika. Seit 1978 hielt sich Jonke wieder in Österreich auf, er hatte seinen Wohnsitz in Wien, wo er als freier Schriftsteller tätig war. 1977 erhielt er den Ingeborg-Bachmann-Literaturpreis, 1987 den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur. Jonkes Stil war – ausgehend von der Sprachskepsis experimenteller Literatur – beeinflusst von Techniken und Schreibweisen konkreter Poesie und gesellschaftskritisch. In seiner ersten Publikation, dem Geometrischen Heimatroman (1969) verband er immanente Sprachkritik und inhaltsorientiertes Schreiben, um zu einer adäquaten Analyse gesamtgesellschaftlicher Zusammenhänge zu gelangen. Die Erzählung Schule der Geläufigkeit (1977) ist im Rahmen des ästhetischen Prinzips stärker inhaltlich ausgerichtet, geht über die Sprachkritik hinaus auch von realen Geschehnissen aus. Jonke griff hier die Idee der Zusammenfügung von Erinnerung und Gegenwart auf: Ein Sommerfest soll identisch mit dem des Vorjahres inszeniert und dadurch die Zeit aufgehoben werden. Die Beziehung zwischen Fiktion und Wirklichkeit wird zum eigentlichen Thema der Erzählung, die immer wieder durch eingeschobene Geschichten unterbrochen wird. Jonke war an der Vienna Poetry Academy- Schule für Dichtung als Lehrer tätig und Mitglied verschiedener Interessenverbände, beispielsweise der Grazer Autorenversammlung und der Interessengemeinschaft Österreichischer Autorinnen und Autoren. Sein Werk umfasste Erzählungen, Romane, Essays, Theaterstücke, Drehbücher und Hörspiele. Seit dem Sommer 2008 soll Jonke von seiner schweren Krebserkrankung gewusst haben, dennoch nahm er bis zu seinem Tod Termine wahr. Er erlag am 4. Jänner 2009 im Alter von 62 Jahren seiner Erkrankung.

http://www.deutsch.tsn.at/docs/standard/jonke.html

…Einst in dunkler Mittnachtstunde,
als ich in entschwundner Kunde wunderlicher Bücher forschte,
bis mein Geist die Kraft verlor und mir’s trübe ward im Kopfe,
kam mir’s plötzlich vor, als klopfe jemand zag ans Tor, als klopfe –
klopfe jemand sacht ans Tor. Irgendein Besucher, dacht ich,
pocht zur Nachtzeit noch ans Tor – weiter nichts. – So kam mir’s vor.

Oh, ich weiß, es war in grimmer Winternacht,
gespenstischen Schimmer jagte jedes Scheit durchs Zimmer, eh es kalt zu Asche fror.
Tief ersehnte ich den Morgen, denn umsonst war’s, Trost zu borgen
aus den Büchern für das Sorgen um die einzige Lenor, um die wunderbar Geliebte –
Engel nannten sie Lenor –, die für immer ich verlor.

Die Gardinen rauschten traurig, und ihr Rascheln klang so schaurig,
füllte mich mit Schreck und Grausen, wie ich nie erschrak zuvor.
Um zu stillen Herzens Schlagen, sein Erzittern und sein Zagen,
mußt ich murmelnd nochmals sagen: Ein Besucher klopft ans Tor. –
Ein verspäteter Besucher klopft um Einlaß noch ans Tor,
sprach ich meinem Herzen vor.

Alsobald ward meine Seele stark und folgte dem Befehle.
»Herr«, so sprach ich, »oder Dame, ach, verzeihen Sie,
mein Ohr hat Ihr Pochen kaum vernommen, denn ich war schon schlafbenommen,
und Sie sind so sanft gekommen – sanft gekommen an mein Tor;
wußte kaum den Ton zu deuten …« Und ich machte auf das Tor:
Nichts als Dunkel stand davor.

Starr in dieses Dunkel spähend, stand ich lange, nicht verstehend,
träume träumend, die kein irdischer Träumer je gewagt zuvor;
doch es herrschte ungebrochen Schweigen, aus dem Dunkel krochen keine Zeichen,
und gesprochen ward nur zart das Wort »Lenor«, zart von mir gehaucht – wie Echo
flog zurück das Wort »Lenor«. Nichts als dies vernahm mein Ohr.

Wandte mich zurück ins Zimmer, und mein Herz erschrak noch schlimmer,
da ich wieder klopfen hörte, etwas lauter als zuvor. »Sollt ich«, sprach ich,
»mich nicht irren, hörte ich’s am Fenster klirren;
oh, ich werde bald entwirren dieses Rätsels dunklen Flor – Herz, sei still,
ich will entwirren dieses Rätsels dunklen Flor. Tanzt ums Haus der Winde Chor?«

Hastig stieß ich auf die Schalter – flatternd kam herein ein alter, stattlich großer,
schwarzer Rabe, wie aus heiliger Zeit hervor, machte keinerlei Verbeugung,
nicht die kleinste Dankbezeigung, flog mit edelmännischer Neigung
zu dem Pallaskopf empor, grade über meiner Türe auf den Pallaskopf empor –
saß – und still war’s wie zuvor.

Doch das wichtige Gebaren dieses schwarzen Sonderbaren löste meines Geistes Trauer,
und ich schalt ihn mit Humor: »Alter, schäbig und geschoren,
sprich, was hast du hier verloren?
Niemand hat dich herbeschworen aus dem Land der Nacht hervor.
Tu mir kund, wie heißt du, Stolzer aus Plutonischem Land hervor?«
Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«

Daß er sprach so klar verständlich – ich erstaunte drob unendlich,
kam die Antwort mir auch wenig sinnvoll und erklärend vor.
Denn noch nie war dies geschehen: über seiner Türe stehen
hat wohl keiner noch gesehen solchen Vogel je zuvor –
über seiner Stubentüre auf der Büste je zuvor, mit dem Namen »Nie du Tor«.

Doch ich hört in seinem Krächzen seine ganze Seele ächzen, war auch kurz sein Wort,
und brachte er auch nichts als dieses vor. Unbeweglich sah er nieder,
rührte Kopf nicht noch Gefieder, und ich murrte, murmelnd wieder:
»Wie ich Freund und Trost verlor, werd ich morgen ihn verlieren –
wie ich alles schon verlor.« Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«

Seine schroff gesprochnen Laute klangen passend, daß mir graute.
»Aber«, sprach ich, »nein, er plappert nur sein einzig Können vor,
das er seinem Herrn entlauschte, dessen Pfad ein Unstern rauschte,
bis er letzten Mut vertauschte gegen trüber Lieder Chor –
bis er trostlos trauerklagte in verstörter Lieder Chor mit dem Kehrreim: ›Nie du Tor.‹«

Da der Rabe das bedrückte Herz zu Lächeln mir berückte,
rollte ich den Polsterstuhl zu Büste, Tür und Vogel vor, sank in Samtsitz,
nachzusinnen, Traum mit Träumen zu verspinnen über solchen Tiers Beginnen:
was es wohl gewollt zuvor – was der alte ungestalte Vogel wohl gewollt zuvor
mit dem Krächzen: »Nie du Tor.«

Saß, der Seele Brand beschwichtend, keine Silbe an ihn richtend,
seine Feueraugen wühlten mir das Innerste empor. Saß und kam zu keinem Wissen,
Herz und Hirn schien fortgerissen, lehnte meinen Kopf aufs Kissen lichtbegossen –
das Lenor Pressen sollte – lila Kissen, das nun nimmermehr Lenor Pressen sollte wie zuvor!

Dann durchrann, so schien’s, die schale Luft ein Duft aus Weihrauchschale edler Engel,
deren Schreiten rings vom Teppich klang empor. »Narr!« so schrie ich,
»Gott bescherte dir durch Engel das begehrte Glück Vergessen:
das entbehrte Ruhen, Ruhen vor Lenor! Trink, o trink das Glück: Vergessen
der verlorenen Lenor!« Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«

»Weiser!« rief ich, »sonder Zweifel Weiser! – ob nun Tier, ob Teufel –
ob dich Höllending die Hölle oder Wetter warf hervor,
wer dich nun auch trostlos sandte oder trieb durch leere Lande
hier in dies der Höll verwandte Haus – sag, eh ich dich verlor:
Gibt’s – o gibt’s in Gilead Balsam? – Sag mir’s, eh ich dich verlor!«
Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«

»Weiser!« rief ich, »sonder Zweifel Weiser! – ob nun Tier, ob Teufel –
schwör’s beim Himmel uns zu Häupten – schwör’s beim Gott, den ich erkor –
schwör’s der Seele so voll Grauen: soll dort fern in Edens Gauen
ich ein strahlend Mädchen schauen, die bei Engeln heißt Lenor? –
Sie, die Himmlische, umarmen, die bei Engeln heißt Lenor?«
Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«

»Sei dies Wort dein letztes, Rabe oder Feind! Zurück zum Grabe! Fort!
Zurück in Plutons Nächte!« schrie ich auf und fuhr empor.
»Laß mein Schweigen ungebrochen! Deine Lüge, frech gesprochen,
hat mir weh das Herz durchstochen. – Fort, von deinem Thron hervor!
Heb dein Wort aus meinem Herzen – heb dich fort, vom Thron hervor!«
Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«

Und der Rabe rührt sich nimmer, sitzt noch immer,
sitzt noch immer auf der blassen Pallasbüste, die er sich zum Thron erkor.
Seine Augen träumen trunken wie Dämonen traumversunken;
mir zu Füßen hingesunken droht sein Schatten tot empor.
Hebt aus Schatten meine Seele je sich wieder frei empor? –
Nimmermehr – oh, nie du Tor!

(Edgar Allan Poes Werke. Gesamtausgabe der Dichtungen und Erzählungen,
Band 1: Gedichte, Herausgegeben von Theodor Etzel,
Berlin: Propyläen-Verlag, [1922], S. 116-122.)