Die Mächtigen leugnen, daß sie verletzlich sind. Je mehr Macht jemand hat, desto verletzbarer wird er. Denn der Mächtige entwickelt ein Mißtrauen gegenüber seiner Umwelt. Und dieses Mißtrauen wird immer größer, je länger er es schafft, an der Macht zu bleiben. Der Mächtige unterstellt jedem, er trage den Dolch im Gewande. Es ist die Realität einer paranoiden Welt.

Im antiken Mythos gibt es einen Priester, der herrschte über seinen Tempel so lange, bis er von einem anderen umgebracht wurde, der sich dann sogleich an dessen Stelle setzte. Der Mord wurde nicht geahndet – im Gegenteil. Der Mörder wurde sofort als neuer Priester akzeptiert, was ihn freilich nicht glücklich werden ließ: Er fand immer weniger Schlaf, denn keiner wußte so gut wie er, daß sein Nachfolger ständig nahen konnte. Es gehört zum Schicksal der Herrschenden, daß immer ein anderer da ist, der ihre Macht beansprucht.

Der Preis der Macht ist z.B. die Unfähigkeit zu lieben. Sehen Sie sich an, welche Probleme die Herrschenden mit der Liebe haben … Es gibt ein bitteres Gespür der Mächtigen für die eigene Liebesunfähigkeit. Sie reagieren darauf, indem sie ständig die Geliebten wechseln oder aber ihrer Partnerin enorme Geschenke machen, um sich ihrer Liebe zu versichern. Sie verteilen Schlösser wie der Sonnenkönig. Die Unfähigkeit zu lieben hängt mit der Einsamkeit der Mächtigen zusammen. Ich traue niemandem mehr, noch nicht einmal der Frau, die ich liebe. Die Macht läßt den Mächtigen vereisen.

Wie ein Minenarbeiter bei der Arbeit zwangsläufig eine Staublunge bekommt, so bekommt der Mächtige die Paranoia. Das Gefühl, niemandem vertrauen zu können, führt zu einer Art Verfolgungswahn, und der Realitätsverlust schreitet voran.

Mario Erdheim, in einem Interview mit der FAZ 2006.

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Macht 1

Januar 29, 2008

„Wer an die Macht will, muß lügen und betrügen bis zuletzt.“ 

Günter Ogger, aus: Die Ego-AG, 2003. 

Macht 2

Januar 29, 2008

„Und nun ist die Macht an sich böse, gleichviel wer sie ausübe. Sie ist kein Beharren, sondern eine Gier und eo ipso unerfüllbar, daher in sich unglücklich und muß also andere unglücklich machen.“

Jacob Burckhardt, Weltgeschichtliche Betrachtungen, 1905.

Macht 3

Januar 29, 2008

Hannah Arendt definiert in ihrer Studie Macht und Gewalt „Macht“ positiv als das Zusammenwirken von freien Menschen im politischen Raum zugunsten des Gemeinwesens. Dabei geht es nicht um die Durchsetzung privater Interessen. Obwohl die Individuen pluralistisch handeln und unterschiedliche Perspektiven einnehmen, schließen sie sich dennoch zeitlich und örtlich begrenzt zu einer Gemeinsamkeit des Sprechens und Handelns zusammen, z. B. beim Volksaufstand in Ungarn 1956. Diese Macht tritt nicht hierarchisch als Institution oder Rechtsordnung auf, sondern als Möglichkeit, die Geschichte zu beeinflussen. Sie kann in Verfassungen, Institutionen usw. einfließen, die aber wiederum wandelbar sind. Im Unterschied zu Webers Definition kann Macht nach Arendt nicht gespeichert werden und kann somit begrifflich leicht – und in der Konsequenz streng – von Ressourcen und Gewalt unterschieden werden. Dabei setzt Arendt nicht voraus, dass die beteiligten Menschen gemeinsame Meinungen, Prämissen oder Ideologien vertreten. In jeder neuen Generation können demnach freie Individuen erneut im politischen Raum Vereinbarungen treffen und umsetzen. Ansätze einer Verwirklichung sah sie in der Revolution in den Vereinigten Staaten die zu der Verfassung der Vereinigten Staaten führte und in den Versuchen, direkte Demokratie in Form vonRäten einzurichten.