Zu früh – um nicht zu sein! Zu früh – um nicht zu brennen! Zärtlichkeit! Grausame Pein der jenseitigen Treffen. Wie tief ich mich auch schmieg – der Himmel – ein bodenloßes Faß! Für Liebe dieses Zuschnitts gehts nicht ohne Wunden ab! Eifersucht schürt das Leben! Erdwärts zu fließen begehrt das Blut. Kann zurückgeben die Witwe ihr Recht – aufs Schwert? Eifersucht schürt das Leben! Gepriesen seien die Stiche ins Herz! Will zurücktreten das Gras – vom Recht auf die Sichel? Heimliche Sucht der Halme… Sproß um Sproß seufzt: „Brich…“ bis zum fetzletzten Lappen verteile meine Wunden ich! Verblute – solange Du nicht anlegst die Naht mit eigener Hand – zu früh für die eisigen Schollen des jenseitigen Lands! 

Marina Zwetajewa, 1923     

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Sie ging hinab zum Grund,
zu Schlick und Seegras nieder,
zu schlafen, wo es Schlaf nicht gibt.
Und doch: Ich habe sie geliebt
wie vierzigtausend Brüder
nicht lieben könnten!
– Hamlet!

Sie ging hinab zum Grund.
Hintreibt ihr Kränzlein noch
zum Stamm, den frei das Ufer gibt.
Ich aber hab sie mehr geliebt
als Tausende…und weniger doch als ein Geliebter.

Zum Grunde ging sie, wo es Schlaf nicht gibt.
Ich aber, hab ich sie geliebt?

Marina Zwetajewa, 1923 

Dem Leben (Жизни)

Februar 28, 2008

Fängst nicht meine Seele lebend, dies Gefieder setzt sich nicht. Leben, reimst dich oft auf: Lügen, –Sängers Ohr erkennt den Schlich! Nein, kein Trick von alten Vetteln! Zum fremden Ufer lass mich ziehn! Leben, saugst dich voll mit Fetten, fettes Leben, drückst mich tief. Grausam plagt die Fesselknochen, Rostfraß aus dem Ringelschloss! Lebens Schneide: auf dir offen tanzt, die auf das Messer hofft!

Marina Zwetajewa

В сердце, как в зеркале, тень,Скучно одной – и с людьми … Медленно тянется деньОт четырех до семи!К людям не надо – солгут, В сумерках каждый жесток. Хочется плакать мне. В жгутПальцы скрутили платок. Еслу обидишь – прощу, Только меня не томи! – Я бесконечно грущуОт четырех до семи.

Marina Zwetajewa

Marina Zwetajewa

Februar 21, 2008

MARINA ZWETAJEWA 

Marina Iwanowna Zwetajewa wurde am 26.9.1892 geboren und verstarb am 31.8.1941 in Jelabuga, Tatarstan durch Selbstmord. Sie war eine russische Dichterin und Schriftstellerin. Sie gehörte zu den bedeutendsten Dichterinnen im Russland des 20. Jahrhunderts und stand an vorderster Spitze literarischer Bewegungen wie dem Akmeismus und Symbolismus. 

Vieles in der Dichtung Marina Zwetajewas hat seine Wurzeln tief in der verdrängten und unruhigen Kindheit.  Ihre Mutter war Pianistin und Malerin, ihr Vater Kunsthistoriker, Gründer des Moskauer Puschkin-Museums. Früh lernte sie Französisch und Deutsch, besuchte 1903/1904 Privatschulen in Lausanne und Freiburg i. Br. Sie verehrte die deutschen Dichter Novalis, Heine und Hölderlin. Im Jahr 1912 heiratete sie Sergej Efron und schenkte ihm die Tochter Ariadna (Alja). Ihr erster Gedichtband erschien 1910, ihm folgten Werstpfähle (1922), Handwerk (1923), Nach Russland (1928). Zentral sind in ihrem Werk auch die längeren Poeme: Poem vom Berg und Poem vom Ende (1923/1924). Sie schrieb ausserdem bedeutende autobiographische Prosa, Essays und Briefe. In den Wirren des russischen Bürgerkriegs 1918 bis 1921 blieb ihr Mann, der auf Seiten der Weissen gegen die Rote Armee kämpfte, für Jahre verschollen. Im Mai 1922 emigrierte Marina Zwetajewa über Berlin nach Prag, wo sie ihren Mann wiedertraf. Ende 1925 zog die Familie mit dem neugeborenen Sohn Georgij (Mur) weiter nach Paris. Im Jahr 1926 trat Marina Zwetajewa in einen inspirierten Briefwechsel mit Rilke, kurz vor dessen Tod. Vierzehn Jahre wird Marina Zwetajewa in den Pariser Vororten in Armut und Isolation ausharren. Aufgrund einer tragischen Entscheidungskonstellation kehrte sie 1939 ins stalinistische Sowjetrussland zurück. Ihr Mann wurde erschossen, ihre Tochter Ariadna für Jahre ins Arbeitslager gesteckt. Nach dem deutschen Einmarsch in die Tatarische Sowjetrepublik evakuiert, beging Marina Zwetajewa am 31. August 1941 in Jelabuga Selbstmord, indem sie sich erhängte.