Das Nein

April 2, 2008

Das Nein, das ich endlich sagen will, ist hundertmal gedacht, still formuliert, nie ausgesprochen. Es brennt mir im Magen, nimmt mir den Atem, wird zwischen meinen Zähnen zermalmt und verläßt als freundliches Ja meinen Mund.

Peter Turrini, aus: Ein Paar Schritte zurück, 1980

Advertisements

Die Kleinbürger

Februar 23, 2008

Meine Klasse, die Kleinbürger, überlebt mit Ruhe. Die Gewalt, die ihnen angetan wird, verbreitet sich schweigend in den eigenen vier Wänden. Im Faschismus bekam ihr Haß öffentliche Lautstärke nach offiziellen Parolen. Jetzt treten sie wieder leise aufeinander. 

Peter Turrini 

Peter Turrini

Februar 23, 2008

PETER TURRINI

Peter Turrini wurde am 26.9.1944 in St. Margarethen im Lavanttal, heute ein Stadtteil von Wolfsberg geboren. Er ist ein österreichischer Schriftsteller. Er ist bekannt für seine gesellschaftskritischen und provokanten Heimatstücke.

Peter Turrini wuchs in Maria Saal in Kärnten auf. Von 1963 bis 1971 war er in verschiedenen Berufen tätig. Seit 1971 lebt er als freier Schriftsteller in Wien und Retz. Er schreibt Theaterstücke, Drehbücher, Gedichte, Aufsätze und Reden. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt, und seine Theaterstücke werden weltweit gespielt. Peter Turrini wurde durch Rozznjogd (1971), Sauschlachten (1972) und die Fernsehserie Alpensaga (1974–1979) bekannt. 1988 schrieb er die Minderleister. Seiner Meinung nach sei es nicht Aufgabe des Theaters Wirklichkeiten naturalistisch zu schildern und Probleme zu lösen, sondern diese übertrieben aufzuzeigen. Er schildert die negativen Seiten der (Arbeits-)Welt in krassester Form, in der Hoffnung, dass die Wirklichkeit hinter der Dramatik des Stückes zurücksteht. In seinen ersten beiden Werken verwendete er Dialekt, in den Minderleistern aber eine kunstvolle „hohe“ Sprache. Turrini beteiligte sich an unzähligen AutorInnenlesungen. So auch des Öfteren am Linken Wort, einer Autorenlesung mit politischen Akzenten, die im Rahmen des jährlichen Volksstimmefests durchgeführt wurde. Peter Turrini ist Mitglied der Grazer Autorenversammlung.

http://www.literaturhaus.at/autoren/T/turrini/  

In der Schule beim Bauchaufzug, hing ich am Reck mit angehaltenem Atem, hochrotem Gesicht und brachte die Füße nicht über die Stange. Ich sah aus wie ein Frosch oder ein Sack Kartoffeln. Unter dem ironischen Blick des Turnlehrers hatte mein Körper nichts mehr mit mir zu tun.

Peter Turrini 

Geld aus dem Nachtkästchen

Februar 23, 2008

Wenn du noch einmal Geld aus dem Nachtkästchen nimmst, bist du nicht mehr mein Kind. Als ich noch einmal Geld aus dem Nachtkästchen nahm, erwischte mich meine Mutter. Ich hielt fünf Schilling in der Hand und sagte ihr, daß ich gar kein Geld genommen habe. Daß ich es genommen habe, weil ich ein Schulheft gebraucht habe und ein Freund mir fünf Schilling geliehen hat und der Freund jetzt im Hofe wartet und natürlich hätte ich warten können, bis sie vom Einkaufen zurückgekommen wäre, aber solange hat der Freund nicht warten können und vielleicht wartet er ohnehin nicht mehr… Ich begriff, daß man Geschichten erfinden muß, wenn man das Kind der Mutter bleiben will. 

Peter Turrini 

Nach dem Kriege

Februar 23, 2008

Nach dem Kriege erschoß sich unser Nachbar Herr Hudelitz mit einem Schlachtschußapparat. Der Gemeindesekretär Herr Fischer erhängte sich neben einem Hitlerbild. Auf meine Fragen antwortete meine Mutter ich sei noch zu klein um das zu verstehen. Monatelang hatte ich Angst, daß sich meine Mutter  und mein Vater demnächst erhängen und erschießen würden. 

Peter Turrini 

Unsere Wohung wurde zerbombt. Sie ging mit den Kindern aufs Land. Wir wurden bei einem Bauern einquartiert. Der Vater wurde in den letzten Kriegstagen eingezogen. Er desertierte und versteckte sich im Wald. Sie machte sich mit dem älteren Bruder auf die Suche nach dem Vater. Sie mußte mich beim Bauern zurücklassen. Der Bauer gab mir unabsichtlich vergiftete Milch. Ich wurde schwer krank und kam in ein Provinzspital. Nach sechs Wochen holte sie mich dort wieder ab. Ich war rund und gesund. So schlimm kann das ganze nicht gewesen sein.

Peter Turrini