Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf–. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille–
und härt im Herzen auf zu sein.

                                    Rainer Maria Rilke, 1902

Clara Westhoff (Rilke)

Oktober 19, 2008

Clara Henriette Sophie Rilke, geb. Westhoff wurde am 21.9.1878 in Bremen geboren und verstarb am 9.3.1954 in Fischerhude. Sie war eine deutsche Bildhauer- und Malerin.

Als Tochter des Kaufmanns Heinrich Westhoff wuchs sie in Bremen-Oberneuland auf. Bereits im Alter von siebzehn Jahren zog Westhoff nach München und besuchte dort eine private Malschule. 1898 nahm sie bei Fritz Mackensen in Worpswede Zeichen- und Modellierunterricht. In Worpswede freundete sie sich unter anderem mit Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker an und war häufig Gast auf dem Barkenhoff des Künstlers Heinrich Vogeler. Dort lernte sie 1900 auch ihren späteren Ehemann, den Dichter Rainer Maria Rilke kennen.

1899 setzte Westhoff bei Carl Seffner und Max Klinger in Leipzig sowie 1900 bei Auguste Rodin in Paris ihre Ausbildung als Bildhauerin fort. Ein Jahr später heiratete sie am 28. April Rainer Maria Rilke, und sie zogen in ein Nachbardorf Worpswedes, nach Westerwede. Dort hatte Rilke ein Haus gekauft, für dessen Innenausstattung sein Freund Heinrich Vogeler gesorgt hatte. Im Dezember 1901 kam die gemeinsame Tochter Ruth auf die Welt.

Bereits im Sommer 1902 gab Rilke die gemeinsame Wohnung auf und zog nach Paris, um dort eine Monografie über Auguste Rodin zu verfassen. Clara Westhoff folgte ihm kurze Zeit später und brachte die Tochter zu den Großeltern. Die Ehe war jedoch zerbrochen, da Rilke offenbar nicht für ein bürgerliches Familienleben geschaffen war. Die freundschaftliche Beziehung zwischen Rilke und Clara Westhoff blieb bestehen.

Clara Westhoff schuf unter anderem eine Porträtbüste ihres Mannes Rainer Maria Rilke (1901, Gips auf Gipssockel), 1902 eine Büste von Heinrich Vogeler und elf Jahre später ein Bildnis der Schriftstellerin Ricarda Huch (1912, Bronze), die aber damals von Clara Westhoff verlangte, die Büste ohne Nennung ihres Namens auszustellen, weil sie sich zu alt dargestellt sah.

Im Jahr 1919 siedelte Westhoff mit ihrer Tochter nach Fischerhude über, wo sie bis zu ihrem Tod lebte. Aus ihrem Wohnhaus mit Atelier wurde später das „Café Rilke“, das auch heute noch besteht. Es bekam von Rainer-Maria Rilke den Hausspruch: „Da vieles fiel, fing Zuversicht mich an, die Zukunft gebe, dass ich darf, ich kann!“

http://www.radiobremen.de/online/rilke/die_rilke.pdf