Lieber ? 
Die Mama ist schon ganz unverfroren eine speckige Drecksau.  Da verabschieden sich die Schinkenfleckerl nun schon tagelang von einer jeglichen Genießbarkeit, nachdem sie unter der Schirmherrschaft der allgemeinen Unappetitlichkeit schleimgeboren werden mußten, weil der Osterschinkenspeck der längst verdauten Auferstehungstage schon ranzig geschwitzt hat und die Fleckerlnudeln freilich längst abgelaufene Beerdigungsnudeln waren, aber deswegen halbpreislich veranschlagt, und trotzdem glänzen die Schinkenfleckerl täglich auf dem Tisch und duften wie ein ungewaschener Schlachthof. Aber innerhalb der Schinkenfleckerl befinden sich haufenweise lebensgünstige Vitamine, sagt die Mama, und bevor unsere Körper die nicht verbrannt haben, kocht sie keine neuen Gerichte, die neue Urteile über unsere Verdauungen aussprechen. In der Siedlung wird die Mama vordergründig umfangreich bewundert, weil sie in den Geschäften immer gute Ratschläge ausstreut, wie man mit einer schwer bewaffneten Einkaufspolitik den niedrigen Wert der Geldscheine unterlaufen kann. Andererseits rollen die Geschäftsleute gleich die jeweiligen Augen, wenn die Mama die Geschäfte überfällt mit sich, und die eintretende Lebensmittellosigkeitskundschaft betrachtet immer erst einmal mit kreisenden Köpfen das Lebensmittelgeschäft, ob die gierige Mama schon da ist, bevor sie in die Innereien des Geschäfts eindringen. Aber meistens ist die Mama schon da und hat sich die besten Gemüseabfälle aus dem Magazin schon kostenschonend ausliefern lassen. In den siedlungsfremden Geschäften lügt die Mama manchmal noch mehr als in den Siedlungsheimischen Geschäften, weil dort die Lügen eine höhere Lebenserwartung einheimsen können, wegen der erschwerten Kontrollierbarkeit der lügenden Mama. Dort, in den siedlungsfremdländischen Geschäften, erzählt sie dann von einem Hund, der zuhause das vertraute Heim bewacht, und daß sie gerne die gesammelten Wurstzipfel überantwortet bekommen täte. Das heißt dann freilich, daß es zuhause Wurstnudeln mit Salatabfällen geben muß. Manchmal denke ich, daß die Mama mich meint, wenn sie einen Hund vortäuscht im auswärtigen Wurstzipfelgeschäft. Darum muß ich vielleicht andauernd daheim bleiben, wenn ich unbedingt hinauswollen muß aus der blutunterlaufenen Wohnung. Andererseits heißt es immerzu, daß nur zuhausdaheim der gute Einfluß weht, der mich und die Wohnung aber nur dann bewachen kann, wenn die Wohnungstür verschlossen ist und die Wohnung abgefüllt darniederliegt mit mir. Dann wäre allerdings der gute Einfluß der Hund, auf den es ankäme, aber dem überguten Einfluß täte die Mama keine Wurstzipfelnudeln mit Salatabfallsalat vor die nässende Maul-höhle setzen, da würde sie ein Schweinsschnitzel kochen, mit echten Semmelbrösel und einem ganzen Ei. Nun, jetzt bin ich ja nur noch neugierig, welchem Schicksal die immer ungeduldiger werdenden Schinkenfleckerl ausgeliefert werden müssen. Die Mama kocht die armen Schinkenfleckerl ja tagtäglich neu auf, weil das die Nahrungsmittelverkleinerungsbakterien hinrichtet, wie sie sagt. Dann frißt sie eine Schüssel voll davon und trinkt einen Schwedenbitter nach, sicherheitshalber, wie sie sagt. Aber die Schinkenfleckerl haben sich so zahlreich in ihrem Wäschekochtopf versammelt, daß die noch bis zum allerjüngsten Tag ausreichen, wie sie sagen täte müssen, und die schmutzige Eigenwäsche muß eine Warteschlange ergründen. Wahrscheinlich wird sie aber ihre Freundinnen aus dem marianischen Sparsamkeitscamp einladen zu einer verfaulten Schinkenfleckerlveranstaltung, dann werden die sterbenden Schinkenfleckerl dem Untersuchungsausschußauge Gottes einerseits nicht schandverschwenderisch entzogen, und andererseits sind die Freundinnen aus dem Lebenssparsamkeitscamp dann selbig auch gezwungen, die Mama zu einem der vielen letzten Abendmähler einzuladen, weil eine Gemeinschaft der ehrfürchtigen Speisevernichtung das Ewigkeitskonto zu überlasten weiß mit himmelblauäugigen Lebensmittelverbraucherwerten, wo do+ viele schwarzgelbgrünliche Kinder, die man fast nie sehen kann, abverhungern von der, allerdings überlasteten Weltoberfläche. Aber Gott hat längerfristig alles feinsinnig hergerichtet am Erdgabentisch der gottesuntermenschlichen Menschheit, sagt die Mama andauernd beständig, weil die Beständigkeit eine Tugend der Welt ist, die der Adjudant Gottes sein muß, der die Adjudantenschinkenfleckerl in einer gut verdauten Weltordnung eingezimmert sehen will. Der Mensch ist klein, der Futtertrog, der lagert hoch. Da muß man schon eine redliche Schwielenarbeit hochleiden an die günstige Nahrung, die einem dann wenigstens ein hoffnungswarmes Fegefeuerfeuerzeug ermöglicht, das dann den hartnäckigen Himmelsarsch aufschweißen kann. Und am Schluß ist mein Onkel Vormund freudig eingedrungen in unsere Wohnung, hat eine salatabfallschüsselgroße Schüssel voll Schinkenfleckerl verdauungsmäßig vernichtet und mir die länglichen Haare hitlerjungenmäßig mit der Fingernagelschere verschleppt. Die Augen haben mir geblutet unter der Fuchtel meines Onkels, die Tränen hatten ihr Hervorquellungsvisum längst aufgekündigt. Alles verlebte ein Hotelzimmer der Lust, nur ich schlief unter der lustlosen Brücke, die freilich allen gehören muß. Das ist schon eine Schweinereivertretung ohne Schwein, oder nicht? Der Onkel hat gelacht über meine Augen, die Mama war zufrieden mit ihnen…, mit den Blutaugen, meine ich. Man muß etwas tun. Oder?! 

Werner Schwab

Februar 16, 2008

 

WERNER SCHWAB

Werner Schwab wurde am 4.2.1958 in Graz geboren und verstarb am 1.1.1994 in Graz. Er war ein österreichischer Schriftsteller und Literat.

Nach dem Studium der Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien (1978-1982, unter anderem bei Bruno Gironcoli) lebte er zunächst zurückgezogen auf einem Bauernhof in der Oststeiermark. Dort entstanden einige „verwesende Skulpturen“ (vorwiegend aus verderblichen Materialien wie Fleisch und Tierkadavern) und Performances, aber auch erste Kurztexte. 1989 war er an der Gründung der Künstlerinitiative Intro Graz Spection beteiligt, im selben Jahr folgte mit „Das Lebendige ist das Leblose und die Musik“ eine der ersten Uraufführungen. Erst 1990 wandte er sich der dramatischen Literatur zu. Sein Erstling Die Präsidentinnen blieb völlig unbeachtet, während das zweite Stück Übergewicht, unwichtig: Unform von der Kritik zerrissen wurde. Aber bereits ein Jahr später entstand das Drama Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos, welches 1992 an mehr als 40 deutschsprachigen Bühnen gezeigt wurde. Dem folgten weitere Erfolgsstücke, etwa Mesalliance undHochschwab. Am Neujahrsmorgen des Jahres 1994 fand man ihn tot in seiner Wohnung in Graz, gestorben an den Folgen einer Alkoholvergiftung.

Bereits in den Arbeitertagebüchern, die er als 22-jähriger begann, entwickelte Schwab eine eigene Sprache, unbeeinflusst von der damaligen Literaturszene. Diese Sprache – unter der Bezeichnung „Schwabisch“ in die Literaturgeschichte eingegangen – perfektionierte er in den Dramen ab 1990. Mit deftig-kräftigen Ausdrücken und skurrilen Wortverbindungen versuchte er, die schöngeistige Literatursprache zu demaskieren und zu verhöhnen. Dabei wurde er in der kurzen Zeit, die ihm zur Verfügung stand, von einem rastlosen Schreibwahn angetrieben – immerhin entstanden in vier Jahren 16 abendfüllende Theaterstücke (von welchen sieben erst nach seinem Tod zur Uraufführung gelangten). 

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