„Nebenbei: …

Januar 3, 2009

„Nebenbei: die Haltung des christlichen Gebetes – die Augen geschlossen, den Kopf gesenkt – ist der Meditation nicht zuträglich. Diese Körperhaltung appelliert an eine geschlossene unterwürfige Geisteshaltung, sie entmutigt das geistige Wagnis. In dieser Position mag es geschehen, daß Gott über euch kommt, euch das Genick bricht und für verhängnisvoll lange Zeit sein Zeichen hinterläßt. Für die Meditation muß eine offene – aber nicht herausfordernde – Haltung gefunden werden. Nicht in Hingabe an Gott. Man nehme sich in acht. Ein weniges zuviel, und Gott verleiht euch seine Gnade: dann seid ihr im Arsch.“

Josef Winkler, in: Wenn es soweit ist, 2002, Suhrkamp Verlag

Advertisements

Wer das Brot untereinander schneidet, der schneidet dem Herrgott die Fersen ab, hat Mutter immer gesagt. Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot, habe ich immer geantwortet. Jeden Tag einmal hat die Mutter gesagt, daß ich den Herrgott nicht bei den Füßen herunterziehen und ihm auch nicht die Fersen abschneiden soll. Und jeden Tag einmal habe ich zur Mutter gesagt, daß ich mir eine Wimper ausreißen und ihr meine Wimper ins Herz stechen werde. Du schneidest dem Herrgott nicht die Fersen ab und ziehst ihn auch nicht hinunter! hat Mutter gesagt. Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot! habe ich geantwortet.

(aus: Nur mit den Kernen der Apfelbutzen, Josef Winkler, Edition Suhrkamp, 2008)

Josef Winkler

Juni 18, 2008

Josef Winkler wurde am 3.3.1953 in Kamering in Kärnten geboren. Er ist ein österreichischer Schriftsteller.

Josef Winkler wuchs in Kärnten auf und lebt zur Zeit in Klagenfurt. Von 1973 bis 1982 arbeitete er in der Verwaltung der Klagenfurter Universität für Bildungswissenschaften; ab 1979 war er freigestellt. Josef Winkler organisierte zu dieser Zeit einen Literarischen Arbeitskreis in Zusammenarbeit mit Alois Brandstetter und gab die Literaturzeitschrift Schreibarbeiten heraus.

Im Jahr 1979 gewann er mit dem Roman Menschenkind den zweiten Preis beim Ingeborg-Bachmann-Preis, der damals Gert Hofmann zugesprochen wurde. Das Buch bildet gemeinsam mit den folgenden Romanen Der Ackermann aus Kärnten und Muttersprache die Trilogie Das wilde Kärnten.

In Josef Winklers Texten spielt die Homosexualität eine bedeutende Rolle – Winkler beschreibt, ausgehend von autobiografischen Erfahrungen, die Schwierigkeiten homosexueller Lebensformen in einer patriarchal und katholisch geprägten Welt. Josef Winkler stellte für sein Werk den Bezugsrahmen zu anderen Schriftstellern her, mit denen ihn das zentrale Thema der Homosexualität verband, darunter etwa Jean Genet und Hans Henny Jahnn, wobei auch der expressionistisch geprägte literarische Ausdruck faszinierte. Zuletzt erschien im Jahr 2007 die Novelle Roppongi. Requiem für einen Vater. Josef Winkler ist Mitglied der Grazer Autorenversammlung und der Interessengemeinschaft österreichischer Autorinnen & Autoren.

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=6730

Winkler werde mit der wichtigsten deutschen Literaturauszeichnung geehrt, weil er «auf die Katastrophen seiner katholischen Dorfkindheit mit Büchern reagiert, deren obsessive Dringlichkeit einzigartig ist», teilte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am Dienstag in Darmstadt mit. Der Büchner-Preis ist mit 40.000 Euro dotiert und wird am 1. November in Darmstadt überreicht.